Das Inka-Manuskript

Abbildung zeigt das Berg/Talmassiv von Machu Piscchu in Perú aus der Vogelperspektive
Machu Picchu Perú © Matyas Rehak - Fotolia.com

Dieser an Spannung ständig zunehmende Roman begleitet den Leser nach Südamerika, ins 15. und 16. Jahrhundert, in das Reich des Inka und die Welt eines Gelehrten jener Zeiten.

Ein junges Touristenpaar findet das von ihm verfaßte Manuskript anno 1981 per Zufall auf dem Markt der peruanischen Hochlandstadt Huancayo. Die alte Handschrift bringt völlig neue Aspekte ins Leben des Paares, hat ungeahnte Vorfälle und Abenteuer zur Folge und führt am Schluß sogar zu einer Schatzsuche in Cuzco, Perú – mit unerwartetem Ausgang...

Das Buch fasziniert mit seinen zwei Erzählebenen und deren unterschiedlichen Schreibstilen, der Verzahnung von Neuzeit und Historie, es kommt in sich selbst vor und läßt den Leser an der Entstehung teilnehmen...

Die Abbildung zeigt ein Buch-Cover von dem >>DasInka-Manuskript<<

Wissenschaft/Geschichte
Sprache: Deutsch
Das Buch ist als Hardcover:
ISBN 978-3-7439-0900-7 (680 Seiten) und als Paperback: ISBN 978-3-7439-0899-4 sowie als E-Book ISBN: 978-3-7439-0901-4 erhältlich.
Erscheinungsdatum: 14.12.2014
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Daniel R.

Kundenrezension

Eine hochinteressante Geschichte, denn was weiß man als Normaleuropäer schon über die Inka? Sie lebten in Südamerika und Pizarro hat sie plattgemacht... Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Hier erfahren Sie vieles über die Inka-Mythologie, wie sie lebten, ihre Bräuche pflegten... Ein Roman mit wissenschaftlichem Hintergrund, fesselnd, spannend, horizonterweiternd, mit sehr schönen Drehungen und Wendungen. Es war eine Freude, dieses Werk zu lesen!

Die interessanten Erzählungen eines Inka-Gelehrten (eben jenes Manuskript) aus dem 16. Jahrhundert werden gewürzt mit ...

TEXTAUSZUG PROLOG

Doktor Schreiner nickt: „Sie kennen sich aus, logisch... Aber lassen Sie mich doch bitte, bevor das Essen kommt, kurz in Ihr Fundstück schauen; zugegeben: neugierig bin ich schon.“
Stefan Bach holt das Manuskript vorsichtig aus seiner Aktenmappe und reicht es dem Altamerikanisten. Ludwig Schreiner nimmt es und blättert die erste beschriebene Seite auf, die ihm am Morgen entgangen war, wo er gewissermaßen „päckchenweise“ drübergeschaut hatte. Er liest rasch und routiniert, pfeift leise durch die Zähne und sagt: „Also, wenn das nicht eine freche, bewußte Fälschung ist – aus welchen Gründen auch immer verfertigt –, dürfte dieses Manuskript wissenschaftlich durchaus bedeutsam sein. Der Autor scheint ein Amawta gewesen zu sein...“
„Was versteht man unter diesem Begriff?“
„Frei übersetzt ‚Wissender’, ‚Gelehrter’, auf die Schnelle erklärt, Herr Bach.“
Schreiner vertieft sich wieder in den Text, blättert einige Seiten weiter, wirkt erstaunt und nimmt sich dann wieder die erste Seite vor. Nach kurzer Zeit stellt er fest: „Ein Gelehrter der Inka-Zeit ... wieso konnte er schreiben ... er beginnt einleitend mit einer in Quechua gehaltenen Passage, wechselt ins Spanische und beginnt zu erklären ... anfänglich ist seine Handschrift noch recht ungelenk, auf den späteren Seiten wird sie zunehmend flüssiger und zuordbar ... hmm ... Herr Bach, Sie sagten, Frau von Winter hätte den Text angelesen, wäre aber nicht damit zurechtgekommen. Frau von Winter – wie gut ist Ihr Spanisch?“
„So lala. Einkaufen, nach dem Weg fragen, einfache Gespräche, keine chicen Wendungen.“
„Dann mußten Sie stolpern, der Autor dieses Manuskriptes schreibt mit starker Interferenz, das bedeutet, die grammatischen Strukturen des Quechua greifen in sein Spanisch ein. Quechua funktioniert im Satzbau nominalisierend, etwa: ‚ich bin ein zukünftig dich Besuchender’ statt ‚ich komme, um dich zu besuchen’. Das ist ein bißchen gewöhnungsbedürftig. Ich lese Ihnen mal kurz vor, was er als Einleitung in Quechua schreibt, werde es danach übersetzen:

ña canancama tahua pachac chunca pusacniyoc punchahuañam caypica cachcaniya chayta cacha tacsa huasichipa percanman sapa punchahua cellcascaypiwan ricuicunim yurac uyancupi chucchayoc caricuna piña supaycuna hina suyuycunaman hamurispa suyuycunata cañachispa ñocatacca hapiracum chayri piñallaña wayracunahuan chicancaray llocclla hina chay yurac uyancupi yana chucchayoc asnac caricuna runaycunata aylluncunata corcoracuhuá ñacarinancupacmi

Genau wie Francisco de Ávila...“
Lisa wirft ein: „Entschuldigen Sie bitte ... Francisco die Ávila...?“
„Gut, daß Sie fragen – de Ávila, indianischer Abstammung, war ein Priester des sechzehnten Jahrhunderts, der die Mythen des Gebietes Huarochirí als native speaker in der Quechua-Sprache niederschrieb, was derzeit Thema meines Seminares ist. Mehr dazu, wenn Sie möchten, später mal. Sie sehen, ich befasse mich momentan ohnehin mit alten Handschriften...“ Schreiner lacht kurz.
„Ich hatte Sie unterbrochen...“
„Kein Problem“, wiegelt der Altamerikanist ab und fährt fort: „Also – genau wie Francisco de Ávila verwendet der Verfasser des von Ihnen gefundenen Manuskripts keinerlei Interpunktion im Quechua, welches er mit phonetisch erfaßter spanischer Orthographie schreibt … nun ja, wie auch anders? Erschwerend kommt hinzu: Dieser Autor mußte die Verschriftung der Wörter und der Lautbildungen wohl selbst entwickeln – deswegen darf man nicht das erwarten, was man ‚verbindliche Orthographie und Grammatik’ nennt. Der besseren Lesbarkeit halber werden wir den Text ins Alfabeto Oficial transkribieren – später...“
Der Kellner serviert das Essen und Doktor Schreiner legt das Manuskript sorgfältig auf den Stuhl neben sich.
Stefan Bach staunt: „Also wie Sie das eben fließend abgelesen haben, Herr Doktor – ich komme mir da richtig dumm vor...“
Auf dem breiten, freundlichen Gesicht des Altamerikanisten steht ein leichtes Lächeln während er antwortet: „Bitte lassen Sie den ‚Doktor’ – ich müßte doch sonst stets ‚Herr Diplom-Ingenieur’ respektive ‚Frau Diplom-Bibliothekarin’ sagen. Kostet unnötig Zeit. Fließend gelesen – nun ja, es wäre traurig, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, schließlich beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit dieser Materie ... reine Übungssache. Umgekehrt stehe ich ‚ganz dumm da’, wenn ich an Ihre Tätigkeit denke: Sie erwähnten vorhin, ein elektronisches Gerät sei ‚abgeraucht’ ... Sie arbeiten an einem Forschungsauftrag, dürfen Sie mir dennoch etwas darüber erzählen?“
Stefan Bach zögert kurz, sagt dann leise: „An und für sich nicht. Aber da eine vergleichbare Technologie, wenn auch noch nicht so hoch entwickelt wie unser Projekt es hoffentlich bald sein wird, bereits in der Schweiz erprobt wird, darf ich verraten, daß es sich um die Realisierung einer neuartigen Lokomotive für die Deutsche Bundesbahn handelt. Genauer: Wir machen die Grundlagenforschung, anschließend erarbeiten wir den Prototyp der Antriebstechnologie; der Rest, Herstellung, Erprobung bis zur Praxisreife et cetera, ist dann Sache der einschlägigen Industrie. Weil diese Lok leistungsseitig in der Gegend von acht- bis zehntausend PS liegen soll, sind wir mit gänzlich neuen Schwierigkeiten in der Elektronik konfrontiert. Bitte – nicht weitererzählen, Herr Schreiner!“
„Auf keinen Fall! Zudem besteht in meinem kollegialen Umfeld kaum Interesse an oder Verständnis für Technik, grundsätzlich jedenfalls. Ich bilde wohl eine Ausnahme: Technik kann mich begeistern! Deshalb unter dem Siegel der Verschwiegenheit: Ohne Details ... neuartige Lok, ja, aber was entwickeln Sie dort in Aachen denn konkret?“
Den Ingenieur freut das Interesse an seiner Arbeit und er sagt: „Etwas völlig Neues – die Leistungselektronik für eine Lokomotive mit Drehstromantrieb.“
Ludwig Schreiner stutzt: „Drehstrom? Da hat es doch drei Phasen, soweit ich weiß. Dann muß ja die Oberleitung mit drei Drähten versehen werden – wird das nicht furchtbar teuer?“
„Fahrleitung nennt das der Fachmann. Nein, das ist ja der Knackpunkt: Aus dem Einphasenwechselstrom der Fahrleitung wird in der Lok auf elektronischem Wege Drehstrom variabler Spannung und Frequenz erzeugt. Wir knabbern an mehreren Problemen: Spannung und Phasenlage in der Fahrleitung unterliegen starken Schwankungen – das müssen wir linearisieren, bei der projektierten Leistung nicht einfach. Zudem ist gefordert, beim Bremsen elektrische Energie zurückzuspeisen, die kinetische Energie des Zuges folglich in nutzbaren Strom zu verwandeln. Hier stoßen wir erneut auf Schwierigkeiten: Betrachten wir die Lok im Bremsbetrieb als Generator, muß dessen erzeugte und abgebene Energie hinsichtlich Spannung und Phasenlage den momentanen, sich ständig ändernden Modalitäten in der Fahrleitung exakt entsprechen, da es im größeren Fehlerbereich anderenfalls zu veritablen Kurzschlüssen kommen kann – eventuell ist das passiert, als der Prototyp des Vierquadrantenstellers ‚abrauchte’, wie wir im Jargon sagen. Und auf diesen Vierquadrantensteller, kurz 4qs genannt, mußten wir auch erstmal kommen...
Derzeit hängt es noch daran, daß zum einen die Elektronik, Thyristortechnik, in der geforderten Leistungsklasse und in der nötigen Schaltungskonfiguration so noch nie eingesetzt wurde. Andererseits gibt’s schon lange konventionelle Elektroloks, deren mechanisches Schaltwerk eine thyristorbasierte Überschalttechnik aufweist, auch der Phasenanschnittbetrieb wird seit Jahren beherrscht – Neuland stellt halt die Erfordernis dar, unter Berücksichtigung schwankender Versorgungswerte eine Thyristorschaltung zu entwickeln, die der Belastung schnell gepulster Ein-/Aussignale standhält. Drei um hundertzwanzig Grad versetzte Phasen mit der Frequenzbreite von ein bis zweihundert Hertz erzeugen, gleichmäßig und dabei feinfühlig steuerbar, das Ganze im Bremsbetrieb umdrehen ... ich denke, wir haben noch ein Weilchen zu tun...“
Der Altamerikanist, wißbegierig nach allem auf der Welt, fragt nach: „Was versteht man unter einem Vierquadrantensteller?“
„Stark verkürzt gesagt: Eine elektronische Einrichtung, die im Fahrbetrieb die elektrischen Schwankungen der Fahrleitung kompensiert und als Gleichrichter arbeitet. Im Bremsbetrieb fungiert er als Wechselrichter, paßt seine Ausgangswerte so an, daß über den Transformator der Lok die korrekte Spannung ausgegeben wird. Damit haben wir zwei Quadranten. Die beiden anderen beziehen sich auf die Regelung der Phasenlage im Fahr- sowie im Bremsbetrieb. Wie gesagt, wir haben noch zu tun...“
Schreiner will wissen: „Sagen Sie – die Bahn fährt doch mit hoher Spannung ... wie erzeugen Sie diese für Ihre Versuche?“
„Die Fahrleitungs-Nennspannung beträgt fünfzehntausend Volt mit der Frequenz sechzehnzweidrittel Hertz, sie schwankt aber je nach Belastung des Netzes in Extremfällen zwischen zwölf und siebzehneinhalb Kilovolt. Die Bundesbahn hat uns eine ausrangierte Vorkriegs-Elektrolok zur Verfügung gestellt, eine E 16, die steht auf dem elektrifizierten Abstellgleis direkt neben unserem Institut. Über ihren Transformator erhalten wir realistische Bedingungen...“
Die Bibliothekarin hakt ein: „Stefan – wird das jetzt ein fahrzeugtechnisches Seminar?“
„Nein, ich habe schon viel zu viel ausgeplaudert...“
„Ich erzähle nichts weiter. Ich interessiere mich halt sehr für technische Dinge; gerne würde ich bei Gelegenheit mehr darüber erfahren.“
„Versprochen“, sagt der Ingenieur.
„Wie handhaben wir das mit dem alten Manuskript, Herr Schreiner? Sicher wäre es am besten, Sie nehmen es an sich...“
„Ja, dies denke ich auch, Frau von Winter. Ich kann dann zu Hause heute schon in Ruhe herangehen und die Übersetzung konzipieren, die anschließend in der Uni mit vereinten Kräften fortgesetzt werden wird. Meine Lebensgefährtin, sie ist Archäologin am Rheinischen Landesmuseum hier in Bonn – grundsätzlich stellen Geschichte des antiken Rom und die zugehörigen Ausgrabungen, Sammlungen et cetera ihr Gebiet dar –, wird gewiß eine gute Hilfe sein, zumal sie sich gerne mit altamerikanistischen Themen beschäftigt; ich habe sie ein wenig infiziert mit diesen Dingen...“
„Da muten wir Ihnen aber eine erhebliche Arbeit zu...“
„Sehen Sie es bitte so, Herr Bach: Wenn das Manuskript tatsächlich echt ist – und wer macht sich schon die Mühe, aus Jokus oder welchen Beweggründen auch immer, solch einen Folianten niederzuschreiben, es sei denn, es stecken wirtschaftliche, politische oder gar kriminelle Beweggründe dahinter –, dürfte es, journalistisch ausgedrückt, eine Sensation darstellen! Denn: Wie ich aus den einleitenden Zeilen und den anschließenden Aussagen auf Seite eins und zwei entnehmen zu können glaube, erfolgte die Abfassung gut ein Jahr nach der entscheidenden Schlacht von Cajamarca, mithin etwa um 1533 bis 1534. Ist das der Fall, stellt dieses Manuskript die erste Handschrift nach der Eroberung des Inkareiches dar – und das eben wäre eine Sensation, wie die Presse formulieren würde. Damit wir sichergehen, wird unser Professor Ortgen, eine international anerkannte Kapazität in Sachen alte Handschriften, sich das Manuskript ebenfalls ansehen. Zudem werden wir entsprechende archäologische Untersuchungen hinsichtlich Datierungen vornehmen lassen: aus welcher Zeit stammen Papier respektive Pergament, Tinte sowie dergleichen mehr; es wird nichts dem Zufall anheimgegeben!“
„Sie meinen, wir haben möglicherweise einen richtigen Fund gemacht? Hmm – ja: ‚Fund’ so nennt man doch ein wissenschaftlich bedeutendes ... ach, wie heißt sowas doch gleich...?“
„Artefakt – das meinen Sie doch, Frau von Winter?“
„Ja, genau das wollte ich sagen.“
„Wenn sich die Echtheit erweist, besitzt das Manuskript einen beträchtlichen wissenschaftlichen Wert ... aber nicht spekulieren, zunächst heißt es Fakten sammeln. Ich schlage vor, daß ich Sie im Laufe dieser Woche, voraussichtlich Freitag oder Samstag, anrufe und die ersten Ergebnisse mitteile. Wir sollten uns in der nächsten Zeit dann hin und wieder zusammensetzen und über den Fortgang der Arbeit sprechen. Was die reine Übersetzung anbetrifft, werde ich zwei oder drei studentische Hilfskräfte daransetzen – wir haben äußerst begabte junge Leute, für die eine solche Tätigkeit erstens sehr interessant ist, zweitens lernen sie dabei einiges. Je nach dem ... vielleicht läßt sich ja auch ein Schein daraus machen, oder vielleicht sogar eine Dissertation? Sie sehen, Motivation allerorten!“
„Großartig, Herr Schreiner! Dann sollten wir nachher Anschriften und Telephonnumern austauschen“, meint Lisa von Winter.
„Hat es geschmeckt?“, fragt der Kellner und räumt ab.


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TEXTAUSZUG FÜNFTES KAPITEL

So vermag ich über das alltägliche Leben in unserem kleinen Kallawaya-Dorfe hoch oben in den einsamen Bergen der Cordillere nur noch wenig zu erzählen. Was sich meinem Erinnern unauslöschlich einprägte, waren die immer wiederkehrenden Arbeiten der chakraruna auf ihren Feldern. So, als geschehe es im Augenblicke wirklich, sehe ich die Männer, wie sie mit dem chakitaklla die Scholle aufbrechen. Mit beiden Händen hielten sie den langen Griff mit dem oftmals schneckenförmig eingewundenen oberen Ende, traten kraftvoll auf das Querholz, womit sie das chakitaklla in den Boden trieben. Mit einer kurzen und geschickten Bewegung nach hinten, wobei das schneckenförmige Ende einen Halbkreis beschrieb, lösten sie das scharfe untere Teil, welches tief in den Boden eingedrungen war, wieder heraus, wodurch etliche Erde nach oben gelangte: in Klumpen, Bröckchen und champa, das sind kleine verwachsene Soden aus Wurzeln und Erde.
Hinter den Männern arbeiteten die Frauen: sie ergriffen die dicken Erdbrocken und die champa, drehten, wendeten, zerbröselten und verteilten sie. Bei dieser Arbeit lachten und sangen sie, und wenn sie rasteten, sich von der Arbeit auszuruhen, schwatzte man weiter, derweil sie ihren qoqaw, das mitgebrachte Essen, verzehrten, welchselbiges der Weiße Proviant heißt. Es gab auch Zeiten, vornehmlich bei der Ernte, wo die Frauen, derweil die Männer die Früchte einbrachten, die patachi bereiteten, eine schmackhafte Suppe mit den mannigfachsten Gemüsen und Kräutern, mit Fleisch und Mais und etwelchen Knollengewächsen. Und ihre Felder, die patakuna hina ... so wie Stufen sich die Berge hinaufzogen, hallten wider von Geschäftigkeit und Fröhlichkeit. Von den oberen Stufen aus weitete sich der Blick auf unendliche Berge, die, wie schlafende Lebewesen, sich im weiten Rund erhoben: grün in der Nähe, blau in der Ferne. Die Berge waren Geschöpfe der Götter, sie lebten und atmeten, sie beschützten und bedrohten uns, stets aber waren wir von Leben umfangen, welches sich mächtig und zum Nutzen aller immer wieder und wieder aus dem Schoß der Erde und der Berge erneuerte, einen ewigen Kreislauf bildend, von dem der Mensch lediglich ein schwächlicher Teil war.
Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, wie einige Zeit nach der Aussaat die Männer und Jünglinge, waynakuna, des Dorfes, gekleidet in ihre prachtvollsten Gewänder, mit den Muschelhörnern vor die Grenzen des Dorfes zogen, zwischen den Feldern Aufstellung nahmen, um dorten mit Gebeten und den immer wiederkehrenden Tönen der geblasenen Muschelhörner Gott Illapa um Regen für die Felder anzuflehen. Dumpf, zuweilen auch näselnd-scharf, tönte es über das Land und die Berge, schwangen sich die Rufe der Muschelhörner auf zu den puyukuna, den Wolken, in denen Illapa wohnt. Dann dauerte es meist nicht lange und Illapa erhörte uns: Oftmals vermischt mit heftigen wayrakuna ... Winden, schickte er Regen auf unser Land, Regen, der, kalt und rein, bisweilen wie schräge graue Tücher von den Wolken zur Erde darniederging; sich drehend und um sich selbst verwirbelnd, fuhr er in die Bäume und Sträucher, zauste ihr Blattwerk, spielte mit ihnen, daß die Zweige wie Tierschwänze peitschten. Grau kam der Regenvorhang der Felder Stufen herabgeschritten und tanzte durch die kräftigen Maispflanzen, daß sie raunten und raschelten, ihr Leben zeigten und kundtaten, wie wohl ihnen die Nahrung des Illapa war.
Und Pachamama, die mächtige Erdmutter, der alles Leben entspringt, begann zu fließen, spendete Quellwasser, uns zu nähren und zu säugen als wie die Neugeborenen – und alle wußten wir, daß Pachamama unser Leben ist.
Wenn Illapa seine Herrschaft an Inti zurückgab, begannen die Felder und Berge, die Bäume und Sträucher zu dampfen, ganz so, wie das Llama nach langem Wege schweißt. Brodelndes Leben war allüberall, die Quellen an den Bergesflanken murmelten ihre Lieder, in den Maispflanzen regte es sich, sie sprachen zu uns – ganz ebenso, wie auch die Berge zu uns sprachen, auf denen alles erdenkliche Grünzeug das Lob der Götter sang.
Und die Pflanzen strebten Inti entgegen. Die Tiere fanden ihre Nahrung; schnell wie ein flüchtiger Schatten huschte die wiskacha dahin; zaghaft äugte das zarte luwichu. Sie alle überbrachten uns Botschaften der Götter, sie sprachen zu uns. Wir antworteten ihnen, nannten ihnen unsere Wünsche und Begehren, auf daß die Tiere sie den Göttern vortrügen. Wenn dann Inti schließlich immer näher kam, seine Wärme langsam in den Boden drang, sich mit Pacha­mama zu vereinen, wenn Inti beständig machtvoller wurde, zeigte er uns, daß er das Leben ist.
Waren die Götter uns gram, verdunkelte Inti seine Helle mit unermeßlichen Schwärmen der gefürchteten aqaruway, der Heuschrecke. Diese Götterplage fraß in Windeseile, was wir im Verbunde mit Pachamama, Inti und Illapa erreicht hatten. War dies geschehen, wußten wir, daß wir im kommenden Jahr, nach der tarpuypacha, der Zeit der Aussaat, mehr opfern, mehr beten mußten – und dann erklangen die Muschelhörner öfter, lauter und klagender.
Und wenn alles gutging, wenn die Götter uns wohlgesonnen waren, erglänzten im goldenen Sonnenlichte die leuchtend-gelben Früchte des Mais, die choqllokuna, umfaßt von Blättern gleich einem schönen Gewand. Wärme, Licht und Leben – über die Felder flatterte, taumelnd und wie betrunken, der bunte und blattzarte pillpintu, schillernd als wie ein Edelstein. In der Bläue und Weite des Himmels zog der kuntur seine geheimnisvollen Kreise, als Bote der Götter wachte auch er über allem, was lebte.


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TEXTAUSZUG ZEHNTES KAPITEL

Er mußte noch zweimal nachfragen, bis er sich aus den verwinkelten Straßen der nördlichen Altstadt herausgefunden hatte – schlimm, deren eine hieß Maxstraße und gabelte sich, ohne daß jene Abgabelung einen anderen Namen besaß. Und prompt hatte er diese Stichstraße unter die Füße genommen, eine Sackgasse... Endlich erreichte Julio Rojas García das Hotel, die erste Wut war verraucht, buchstäblich auf der Strecke geblieben. Mit herrischer Geste und kurz angebunden verlangte er seinen Schlüssel, bekam ihn und ging auf sein Zimmer. Dort hängte er sorgfältig das Jackett auf den Kleiderbügel, lockerte die Krawatte, entnahm der Zimmerbar ein Cola, stellte es in plötzlichem Abscheu zurück – auch ein Gringo-Produkt, mit dem sie in Perú Geschäfte machten! –, entschied sich für eine Apfelschorle, öffnete die Flasche, ließ sich auf den Sessel am Tisch fallen, nahm einen langen Schluck aus der Flasche – und begann seine Gedanken zu ordnen.

Nach und nach kristallisierte sich ein Plan heraus: Er mußte nochmal zum Seminar zurück. Am späten Nachmittag, gegen vier Uhr – die Alemanes sagen dazu „sechzehn Uhr“, wie ihm einfiel – wäre dort gewiß nicht mehr viel los, die Studenten ausgeflogen, Publikumsverkehr dürfte ohnehin spärlich bis nicht vorhanden sein, und die Besprechung müßten sie dann ebenfalls längst beendet haben. Sehr wahrscheinlich würde der Professor, dieser sture alte Kerl, noch in seinem Büro sitzen, die Handschrift mit dem Stolz des unrechtmäßigen Besitzers betrachtend, womöglich weitere Entdeckungen im Verlauf der Texte machen. Weitere Entdeckungen ... welche? Egal, was auch immer noch der Entdeckung harren sollte, würde und müßte sein Verdienst sein. Weiter: Angenommen, der Professor wäre alleine ... ebenfalls wahrscheinlich ... die Sekretärin? Vermutlich fing deren Dienst um acht Uhr morgens an ... in Deutschland herrscht der Achtstundentag ... die Mittagspause dürfte eine halbe Stunde dauern, die nicht auf die Arbeitszeit angerechnet wird – soviel wußte er, ergo: um halb Fünf sollte die Sekretärin außer Hauses sein. Korrektur des ersten Gedankens bezüglich der sechzehn Uhr: Er durfte nicht vor halb Fünf im Seminar auftauchen. Was wäre dann zu tun?
Julio Rojas García nahm eine kleine Flasche Wodka aus der Zimmerbar, öffnete sie, schenkte ein und kippte das Glas in einem Zug. Sein Plan nahm langsam Gestalt an: Er würde in des Professors Büro gehen und mit allem Nachdruck und clever argumentierend die Herausgabe des Manuskriptes verlangen. Aber würde der darauf eingehen? Nach den Erfahrungen des Vormittags wohl kaum... Ihn bedrohen? Wie? Rojas García war zwar aufbrausend, eitel, egozentrisch und herrisch, doch beileibe kein Krimineller. Zwar schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, den alten Mann einfach niederzuschlagen, das Buch an sich zu nehmen und zu flüchten – doch dazu wäre er nicht in der Lage gewesen, schließlich stammte er aus gut situierter Familie, die auf Ansehen hielt. Außerdem: Körperlicher Angriff, Gewalttat – das paßte nicht zu einem Doktor! Er wischte also diese Idee rasch beiseite, überlegte angestrengt weiter. Ins Büro gehen, ganz bestimmt und fordernd auftreten ... ohne den argumentativen Rückhalt bei jener vornehmen Lady namens Neumann, ohne seine Sekretärin und die anderen, die ihn eben anläßlich des Symposiums abgekanzelt hatten, wäre der Alte vielleicht hilflos, würde seinen, Garcías, Argumenten eventuell zugänglicher sein. Ja – kompromißlos und in scharfem Ton, der ruhig eine gespielte drohende Komponente haben durfte, in klarer Weise auf die Besitzansprüche hinweisen, wenn nötig, moralische Werte ins Spiel bringen, unmißverständlich darstellen, daß diese Handschrift in Perú verfaßt und gefunden wurde, weshalb sie ohne jede Frage der peruanischen Nation gehört! Vielleicht auch das Buch einfach an sich nehmen und dann erst argumentieren? Wie sich die Situation entwickeln konnte, war nicht vorhersehbar... Er goß sich noch einen Wodka ein, bemerkte mit einem Anflug von Unwillen, daß die kleine Flasche damit leer war, und sinnierte weiter.

Die Gedanken kreisten beständig um den Kernpunkt einer scharf vorgetragenen Argumentation – warum sollte der alte Professor, alleine im Büro, sich nicht einschüchtern lassen? Rojas García war zudem mehr als einen Kopf größer und recht athletisch gebaut... Genau: Ins Büro des Professors stürmen, energisch, rasch ... lautstark mit geschickt gesetzten Worten auf die Tatsache hinweisen, die Handschrift gehöre der peruanischen Nation, dem Alten kaum Zeit zum Antworten belassen, immer wieder die selben Argumente vorbringen, Druck machen, Tempo geben, auf den Tisch schlagen, so tun, als schrecke man auch vor Gewalt nicht zurück ... letzteres natürlich nur geschauspielert. Trotzdem sollte dies den Professor, allein in dem großen Gebäude, in Angst versetzen. Und dann: Das Manuskript nehmen, in den Aktenkoffer damit, zurück ins Hotel, die Sachen zusammenpacken ... nein: vorher alles zusammenpacken, reisefertig sein – und weg aus dieser Stadt. Hauptstadt, Hauptstadt-Bahnhof ... da würden, wie in Deutschland üblich, oft genug Züge fahren ... und niemand konnte wissen, wohin er sich abgesetzt haben würde. Sollte der Professor doch gleich mit wem auch immer telephonieren – er, Julio Rojas García, wäre über alle Berge. Und weiter? Zurück in die Niederlande? Keinesfalls! Mit Sicherheit würde Professor Ortgen mit jener Uni telephonieren, die noch Arbeitgeber ist. Das gäbe Ärger! Folglich blieb nur eines: Zurück nach Perú, erstmal auf das Landgut seiner Eltern ziehen, dem Vergessen Zeit geben. Gedankenschleife: Das Manuskript nehmen ... wer wollte ihm dies verdenken? Wegnehmen ... stehlen? Nein, das ist kein Diebstahl, ich bin kein Dieb, sondern Patriot und sorge lediglich dafür, daß peruanisches Eigentum dorthin kommt, wohin es gehört. Trotzdem wird es Wellen geben, die abzuwarten wären und vor diesem Hintergrund erscheint es ideal, nach Ankunft in Perú eben das Landgut der Eltern zu besuchen... Ja, keine Frage!

Julio Rojas García schaute auf seine Armbanduhr: Er mußte handeln, es war kurz vor drei Uhr. Nachmittag, P.M., wie das vernünftigerweise in Perú genannt wird. Diese Gringos fühlen sich scheinbar nur wohl, wenn sie alles komplizieren. Er nahm seinen Koffer aus dem Schrank und packte sorgfältig seine Sachen hinein, wobei er weiter plante: Den Koffer zum Bahnhof bringen und in einem Schließfach deponieren – wenigstens das war eine gute Einrichtung. Den nächsten Zug nehmen – wohin? Rojas García dachte angestrengt nach, mühte sich, die Landkarte Deutschlands zu vergegenwärtigen, was wußte er über die Flughäfen? Richtig: Frankfurt am Main, Drehscheibe des internationalen Flugverkehrs – da mußte er hin. Gut, daß diese Gringos anscheinend permanent auf Reisen waren und deshalb zahlreiche Züge verkehrten ... im Gegensatz zu Perú, wo seine spontane Idee nicht funktioniert hätte ... beispielsweise ein einziger Reisezug von Cuzco nach Juliaca täglich... Aber hier? Laufend, ein Zug nach dem anderen ... klar, daß die Alemanes sich das leisten konnten, wenn sie Eigentum fremder Länder mit Beschlag belegten! Er wurde wieder wütend, zwang sich aber zur Ruhe. Wie ginge es weiter? Zunächst: Sein möbliertes Zimmer nahe jener niederländischen Universität – no problemas: Die Miete für September war bezahlt, er schuldete der Wirtin also nichts. Seine restlichen Besitztümer in Holland? Praktisch Null: Zwei Jeans, ein älterer Anzug – seine beiden besten hatte er mit Seitenblick auf eventuelle amouröse Abenteuer im Gepäck –, einige Hemden und so weiter; die Bücher in seinem Zimmer waren allesamt Ausleihen; mochte die Wirtin sich drum kümmern. Er würde daher praktisch nichts zurücklassen, nichts opfern bis auf die paar Hemden et cetera – was soll’s? Das Manuskript war wichtiger! Julio Rojas García schaute sich nochmal in dem Zimmer um: Nichts vergessen? Nein. Er faßte den Griff seines Koffers sowie seine große Aktentasche und ging hinunter zur Rezeption. Der Portier war erstaunt, weil der Herr Doktor sein Zimmer einen Tag verfrüht aufgab, wurde jedoch beschieden, dringende Forschungen duldeten keinen Aufschub. García zahlte mit Traveller-Scheck, ließ sich nochmal kurz den Weg zum nahen Bahnhof erklären und verließ das Hotel.
Diesmal achtete er genau darauf, wo er entlangging, damit er anschließend ohne Verzögerungen das Seminar für Völkerkunde erreichen würde. Seine Gedanken jagten einander: Wie lange würde er in Frankfurt festsitzen? Wann verkehrte eine Maschine nach Lima? Wo sollte er sich solange aufhalten? Sicher – an jedem Flughafen gab es Hotels. Seine Gedanken begannen sich erneut zu jagen ... ich habe nur ein Visum für die Niederlande, schoß es ihm durch den Kopf. Die Einreise nach Deutschland, wegen des Symposiums, erwies sich als problemlos, da er bei der Grenzkontrolle im Zuge die Einladung der Bonner Universität sowie sein niederländisches Visum vorweisen konnte. Doch wie würden sich die Amtsträger verhalten, wenn er mit eben diesem niederländischen Visum von Deutschland nach Perú ausreisen wollte?
Rojas García stellte den Koffer ab – er befand sich in der Wesselstraße und sah bereits die Bahnstrecke vor sich. Was tun? Ach ja – und das Geld auf meinem Konto bei der Algemene Bank Nederland ... wie von Perú aus da drankommen? Muchas problemas.
Plötzlich die passende Idee – was er kurz zuvor strikt verworfen hatte, erschien ihm nun als einzige Lösung: Per Zug nach Holland, am besten direkt nach Amsterdam, vom dortigen Airport nach Lima, sein Paß trug das niederländische Visum, der peruanische Doktor reist heim ... perfekt! Und wenn es keinen Flieger nach Lima geben sollte, dann halt Bogotá, Buenos Aires oder was auch immer, Hauptsache Südamerika, raus aus Europa. Und in Amsterdam würde er sein Geld vom Bankkonto erhalten. Und falls er ein, zwei Tage auf eine Flugverbindung warten mußte: Hotels gab’s in Amsterdam genug, auch unauffällige, irgendwo in der quirligen Stadt, falls man ihn suchen würde ... würde man? Das einzige Fragezeichen in seiner Planung, ein Fragezeichen, mit dem er leben mußte ... doch vielleicht erhielt er ja rasch einen Flug Richtung Süd­amerika ... ach, zum Teufel, seine Vorfahren hatten größeren Schwierigkeiten und Gefahren ins Auge geblickt... Julio Rojas García nahm mit zufriedener Miene seinen Koffer wieder auf und legte den restlichen Weg zum Bahnhof zurück.

Im Hauptbahnhof verstaute er den Koffer im Schließfach; die Aktentasche behielt er bei sich, um später das Manuskript darin zu transportieren. Seine Blicke irrten umher, suchten die Boleteria, wie es in Perú heißt, die Fahrkartenausgabe. Auf Nachfrage verwies ein Bahnbeamter ihn auf das Reisezentrum. Mehrere Schalter waren geöffnet und Rojas García wendete sich an den nächsten, wo eine junge Blondine saß und ihn freundlich-fragend ansah. Instinktiv erkundigte er sich in gebrochenem Deutsch nach den Verbindungen in Richtung Amsterdam, und ob heute noch ein Zug dorthin fahre. Instinktiv in gebrochenem Deutsch, weil, so war es ihm in den Sinn gekommen, man sich an einen radebrechenden Ausländer sicher weniger gut erinnern würde als an einen, der fließend parlierte. Die Blondine schmolz unter seinem glutvollen Blick dahin – García gab den Caballero – und erklärte ihm, selbstverständlich verkehrten an diesem Tage noch genügend Züge, eventuell müsse er unterwegs umsteigen. Bei diesen Worten nahm sie das Kursbuch hervor, blätterte kurz und teilte ihm strahlend mit, er habe Glück: Es bestünde heute noch eine Direktverbindung von Bonn nach Amsterdam, nämlich mit dem Intercity 124 „Erasmus“, der hier in Bonn um siebzehn Uhr einunddreißig abfahre, auf Gleis Eins, da, direkt vorm Reisezentrum; freie Plätze habe er auch noch und treffe um zwanzig Uhr sechsundfünfzig in Amsterdam ein. Julio Rojas García nickte und bezahlte die Fahrkarte, schenkte der Blondine ein diffuses Lächeln, sah auf eine der zahlreichen Bahnhofsuhren – die Uhrzeit schien für die Gringos eine äußerst wichtige Macht darzustellen – und schlenderte langsam, ganz unauffälliger Tourist, in Richtung Regina-Pacis-Weg, in Richtung Völkerkunde-Seminar; von halb Fünf an, wo er den Professor alleine in seinem Büro wähnte, bis zur Abfahrt des Zuges war rund eine Stunde Zeit – er durfte sich weder verzetteln noch hinhalten lassen: Knallhart anfassen die Sache – mit Tempo...

Da er noch zu früh dran war, erkundete er die Straßen zwischen Bahnhof und Kaiserplatz und hatte rasch herausgefunden, daß er auch über Gangolfstraße und Gerhard-von-Aré-Straße den Kaiserplatz erreichte, der, zum Rhein hin gesehen, an den Hofgarten grenzt. Rojas García nahm dies gewissermaßen auf der zweiten Schiene zur Kenntnis, weil er fest entschlossen war, nie wieder nach Europa zu reisen.
Wie es in solchen Situationen halt geschieht, eilten ihm pausenlos Gedanken durch den Kopf, wog er unterbewußt Zukunftsfragen gegeneinander ab: Wenn ich mit dem Manuskript in Perú ankomme – was dann? Anzunehmen, daß dieser Ortgen bereits seine Kollegen an den führenden Universitäten des Landes unterrichtet hatte, behauptet haben wird, ich habe es gestohlen ... wie verhalte ich mich dann? Natürlich wird man einem Landsmann, einem sachkundigen und verdienten Landsmann, eher Glauben schenken ... und falls nicht? Die deutsche Presse wird gehörigen Wirbel veranstalten – möglicherweise erscheinen morgen in etlichen Zeitungen Berichte über das Manuskript ... der Professor wäre schlecht beraten, wenn er keine Meldung über dessen Fund lancieren würde ... und wenn ich es entführt habe, wird es erst recht mit Sicherheit landesweit Aufsehen geben. Und wenn ich mich aus dem Universitätsbetrieb gänzlich zurückziehe, irgendwo hingehe, wo man mich nicht kennt und die wertvolle Handschrift einem reichen Sammler verkaufe? Unter der Hand, in aller Verschwiegenheit? Gäbe ein hübsches Sümmchen, ganz gewiß! Aber ... so handelt kein Ehrenmann! Nein, niemals! Ich bin Doktor der Altamerikanistik, Fachmann, kann beurteilen, wo dieser einmalige wissenschaftliche Schatz hingehört: nach Perú! Und wenn ich bis zum Präsidenten gehen muß, um gerecht behandelt zu werden! Meine angesehene Familie wird ihren Teil beitragen...
Julio Rojas García sah auf seine Armbanduhr: Es wurde Zeit! Zielstrebig schlug er den Weg zum Seminar ein, erreichte es nach wenigen Minuten – gut, daß Bonn nicht so weitläufig ist wie Lima! –, schaute sich kurz um, niemand in der Nähe außer ein paar Passanten, betrat das Gebäude und ging auf das Büro des Professors zu. Er atmete tief durch, memorierte blitzartig die geplante Vorgehensweise, gab seinem Gesicht einen wütenden Ausdruck, hieb die Klinke nieder und stieß die Türe auf. Professor Ortgen saß an seinem Schreibtisch, Sinchis Manuskript gegen Ende aufgeschlagen vor sich; erschrocken blickte er auf, klappte das Buch zu, legte die rechte Hand darauf und fragte, ungehalten ob des ungebührlichen Eindringens, in scharfem Tone: „Sie wünschen, Herr Rojas García?“
„Können Sie sich das nicht denken? Ich sagte doch bereits: diese Handschrift gehört dem peruanischen Staat – Sie halten sie widerrechtlich zurück!“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Stellen Sie sich nicht dumm – das Manuskript will ich!“
Professor Ortgen erwiderte ärgerlich: „Sie, Herr Rojas García, sind nicht der peruanische Staat! Außerdem wurde es von zwei Deutschen entdeckt, gekauft und uns übergeben; die Besitzverhältnisse dürften damit wohl klar sein, oder?“
„Dios mío, wie kann man nur so verbohrt sein“, schrie García, „Sie übergeben mir jetzt auf der Stelle das Manuskript, oder ich ziehe andere Saiten auf!“
Ortgens Gesicht erglühte fast schlagartig in Zornesröte und er schrie zurück: „Verlassen Sie unverzüglich mein Büro!“
„Das könnte Ihnen so passen!“, entgegnete García gefährlich leise, stellte seinen Aktenkoffer auf den Schreibtisch und forderte: „Sie geben mir jetzt sofort diese Handschrift!“
Der Professor, wissend, daß er sich nicht aufregen durfte – die Ärzte hatten ihn oft genug gewarnt –, bebte vor Wut als er ablehnte: „Nein, wie käme ich dazu? Keine Diskussion! Nochmals: Verlassen Sie mein Büro, oder ich rufe die Polizei, die wird Sie schon hinausbringen!“ Während dieser Warnung hatte er den Telephonhörer ergriffen und wollte gerade die Notrufnummer wählen.
Julio Rojas García war mit einem Satz beim Telephon, schlug die Gabel nieder und brüllte: „Lassen Sie diesen Blödsinn! Glauben Sie wirklich, ich würde zusehen, wie Sie die Polizei anrufen, alter Mann?“
„Was erlauben Sie sich?“
„Alles, was ich für richtig halte! Und was mir zusteht, ist dieses Manuskript, verstanden? Und das händigen Sie mir hier und jetzt aus, sonst werde ich verdammt unangenehm...!“
„Niemals – verschwinden Sie!“, rief der Professor, dessen Gesichtsröte eine bedenkliche Farbe angenommen hatte, ergriff Sinchis Aufzeichnungen mit beiden Händen und befahl abermals: „Verschwinden Sie – raus, sofort!“
Langsam, mit der Attitüde einer Raubkatze, schlich García um den Schreibtisch herum – seine dunklen Augen funkelten, sein Atem ging kurz. Der alte Professor bekam nun Angst, sein Herz begann zu rasen, stolperte in Extrasystolen, erzeugte schmerzende Stiche. Rojas García packte Ortgen am Revers, zog ihn vom Stuhl hoch und zischte: „Her mit dem Manuskript, oder es wird Ihnen leid tun!“
Paul Ortgen gab einen ächzenden Laut von sich, seine Gesichtsfarbe wechselte von krebsrot nach tödlicher Blässe ... langsam legte er das Werk des Inka-Gelehrten auf den Tisch und García ließ ihn los. Der Professor sank auf seinen Stuhl nieder, griff mit der rechten Hand an die Herzgegend, tat etliche röchelnde Atemzüge, versuchte, sich mit der linken Hand abzustützen – dann knickte sein Oberkörper langsam ein und mit einem dumpfen Geräusch traf sein Kopf auf das Manuskript. Ortgen rührte sich nicht mehr, seine Augen waren offen und starrten glasig ins Nichts...


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TEXTAUSZUG ACHTZEHNTES KAPITEL

Berghoven ergreift das Übergabebuch: „Ich trage jetzt die zu fahrenden Kilometer ein – von hier bis Koblenz sind’s fünfundneunzig – sowie andere Dinge wie Datum und so weiter und unterschreibe das Ganze. Nun bereiten wir den Betriebsleistungszettel vor – das ist im Grunde Statistik: Welche Zugleistungen hat die Lok erbracht, das heißt: Kilometer in welchem Direktionsbereich et cetera, führte im einzelnen jetzt zu weit, das lernt ihr alles in der Fahrschule.“
Kurz darauf klopft es an der rechten Führerraumtüre. „Wir kaufen nichts!“, ruft Berghoven und öffnet die Tür.
Draußen, unten – der Fußboden des Führerraumes liegt etwa mannshoch über der Erde – steht der Zugführer und grinst wegen des spaßigen Empfangs: „Immer dasselbe mit dir, nur Mist im Kopp!“
„Da haste den Betriebsleistungszettel – bitte in Schönschrift ausfüllen!“, revanchiert sich Berghoven und nimmt vom Zugführer den Bremszettel entgegen, auf dem die Daten des Zuges vermerkt sind wie beispielsweise Anzahl der Achsen, Länge, Bremsart – der 3511 läuft in Stellung „R“, was die leistungsfähigste Variante ist – und die sogenannten „Bremshundertstel“, welche einer für jeden Zug individuellen Berechnung entstammen: 3511 verfügt über hundertsiebenundzwanzig, das bedeutet, die rechnerisch ermittelte Bremskraft beträgt hundertsiebenundzwanzig Prozent des Zuggewichtes, die Eisenbahner sprechen auch von „soundsoviel Tonnen Bremsgewicht“, womit gemeint ist: Beträgt das Gesamtgewicht des Zuges – als Beispiel – zweihundert Tonnen und die Bremshundertstel weisen hundertfünfzig Prozent aus, erreicht die Verzögerungskraft der Bremse dreihundert Tonnen.
Diese Zusammenhänge erklärt der Lokführer dem aufmerksam zuhörenden Stefan, steht anschließend auf, schaut aus dem Fenster: Der Zugführer geht den Zug entlang an dessen Schluß, um die Bremsprobe auszuführen. Nach einiger Zeit faßt Berghoven den Griff des Führerbremsventils, klinkt den E-Bremssteller aus, legt es in die erste Raststufe hinter „Langnut“ und der Druck in der Hauptluftleitung sinkt um nullkommafünf bar – die durchgehende Druckluftbremse legt bei Lok und Wagen an, mit ungefähr einem Drittel der möglichen Kraft. Dann bringt er das Bremsventil zurück in Fahrtstellung, Einrasten des E-Bremsstellers, der Druck steigt auf fünf bar, die Bremsen lösen aus. Berghoven setzt sich wieder und schmunzelt: „Das Tageszeichen für ‚Bremse anlegen’ wird mit beiden Händen gegeben, im Signalbuch steht dazu unter den Ausführungsbestimmungen: ‚Beide Hände werden über dem Kopf zusammengeschlagen’. Paßt auch für diverse andere Vorgänge, ich denke an den B-Gruppenleiter... Man kann bei der Bahn unheimlich viel Spaß haben, nicht zuletzt, wenn man Begriffe und Formulierungen in den Vorschriften sowie von Chefs getätigte Äußerungen auf ihre semantische Variabilität hin betrachtet...“
Stefan staunt: „Sag’ mal – das hörte sich richtig wissenschaftlich an!“
„Na ja ... vielleicht tanze ich ein bißchen aus der Reihe – es kommt womöglich etwas komisch rüber ... weißt du, ich habe unheimliches Interesse an Deutsch und Sprachen überhaupt, beschäftige mich auch viel damit: Lesen, Schreiben ... wer, wie ich, kein Abitur hat, muß deswegen nicht zwangsläufig blöd sein. Das mit dem Gymnasium ist bei mir damals danebengegangen. Bei der Bahn gab’s dennoch Chancen: also wurde ich Lokführer, da spuckt dir keiner in die Suppe, gesetzt den Fall, du machst deine Arbeit korrekt; außerdem ... zugegeben: ich hänge an dem Job. Anno 1969 las ich Erich von Däniken – über seine Thesen kann man geteilter Meinung sein, Fakt ist: Durch ihn bin ich sozusagen wach geworden, habe, von Herodot bis altägyptischer Geschichte, allerhand gelesen, nein: gefressen. Durch eine Verkettung von Zufällen, und nicht zuletzt ein Fachbuch über die Andenbahnen von Brian Fawcett, geriet ich dann an Südamerika und bin – auch durch weitere Literatur – der Faszination nicht nur des Kontinents, sondern speziell der Geschichte und Kultur der Inka-Völker regelrecht verfallen ... ich muß da hin, nach Perú, ins ehemalige Zentrum der Inkazeit ... und seit Anfang dieses Jahres lerne ich eine ziemlich exotische Indianersprache...“ Er beendet seine Worte mit einem kurzen, leicht verlegen wirkenden Lacher.
„Bremse in Ordnung – und Heizung ein!“, ruft draußen der Zugführer.
Berghoven steht erneut auf, schaut aus dem Fenster und bestätigt: „Bremse in Ordnung, danke – Heizung ein!“ Er aktiviert die Tausend-Volt-Zugsammelschiene und nimmt wieder Platz.
Der Zugführer geht an die nächste Gegensprechstelle: „Zug 3511 fertig zur Ausfahrt.“
„3511 fertig“ quittiert der Fahrdienstleiter.
Dank der betriebsbedingten Unterbrechung des Gespräches vermochte Stefan seine Eindrücke zu ordnen, nachdem er zunächst völlig perplex war und dachte: ‚Die Welt ist nicht nur ein Dorf, sondern ein Kaff!’ Langsam, seine Worte vorsichtig setzend, sorgt nun er für eine erhebliche Überraschung: „Du lernst Quechua – bei Sylvia Warendorf, in Bonn ... stimmt’s?“
„Ja ... wieso ... warum ... ich meine: woher weißt du das?“
„Doktor Ludwig Schreiner erzählte uns vor längerer Zeit, Sylvia Warendorf, eine hochbegabte Letztsemesterstudentin, habe bereits zwei Privatschüler mit sehr unterschiedlichem beruflichen Hintergrund: Dolmetscherin und Lokführer der Bundesbahn – damals waren wir deswegen einigermaßen verblüfft ... Lokführer und Quechua – wie paßt das zusammen? Meine Frau Lisa und ich lernten Doktor Schreiner kennen, weil ich ihm eine alte Handschrift zur Begutachtung übergeben hatte, sie wird in der Uni ‚Das Inka-Manuskript’ genannt...“
„Ich glaub’s einfach nicht!“, ruft Kurt Berghoven, mit leiserer Stimme fährt er fort: „Dann bist du der Stefan Bach ... Bach ist ja kein allzu seltener Name – wie hätte ich drauf kommen können? Im Seminar für Völkerkunde, wo ich recht häufig bin, spricht man oft von deiner Frau und dir, eurem Fund auf dem Marktplatz von Huancayo ... Frau Warendorf läßt mich als Hausaufgabe öfters Partien aus Sinchis Manuskript ins Quechua übersetzen – leichte Stellen, ich kann die Sprache ja noch nicht fließend ... und jetzt sind wir uns hier in Deutzerfeld begegnet: das gibt’s doch nicht, irrer Zufall...! Ja, ich habe Photos von deiner Frau und dir in der Zeitung gesehen, die nach diesem Symposium zur Echtheitsfeststellung der Handschrift gemacht worden sind ... ich hätte dich daher eigentlich gleich erkennen müssen, aber ich habe leider ein schlechtes bildliches Personengedächtnis. Außerdem: Wer denkt schon an sowas? Ich wollte sagen: Wer rechnet denn damit, daß man im Dienst, im Aufenthaltsraum, den Mann trifft, der gemeinsam mit seiner Frau auf dem Markt von Huancayo diese wertvollen Pergamente aufgefunden und zur Bonner Uni gebracht hat? Das Inka-Manuskript ... der blanke Wahnsinn...“
Lächelnd stellt Stefan fest: „Der gute alte Sinchi wirkt bis in die Bundesbahn.“
Draußen laufen Weichen auf den Fahrweg ein, das Deckungssignal wechselt nach Sh1, das Gruppenausfahrsignal zeigt Hp2 – Langsamfahrt mit vierzig Stundenkilometern.
Lokführer Berghoven schaut kurz nach hinten, den Zug entlang, der Zugführer hebt die Hand zum Zeichen, daß alles in Ordnung ist, er schaltet die Lüfter ein, dreht das Fahrschalterhandrad auf Stufe Sechs – und mit den typischen Geräuschen ihres Hochspannungsschaltwerkes zieht die E 110 an: Eilzug 3511 ist mit vier Wagen unterwegs Richtung Koblenz; eine klassische Kombination: dunkelblaue E-Lok und vier alufarbene Leichtmetallwagen mit dem berühmten Pfauenaugenmuster an den Seiten, unter Eisenbahnfreunden „Silberlinge“ genannt.


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TEXTAUSZUG ZWANZIGSTES KAPITEL

Der Altamerikanist Doktor Ludwig Schreiner räumt gründlich mit einer Lehrmeinung auf, von der er sagt, sie sei vermutlich durch eine Verbindung von Borniertheit und Inkompetenz in die Schulbücher gelangt und als Ergebnis nämlicher Verbindung bis dato dort verblieben: „Es ist mir völlig unverständlich, weshalb man Cristóval Colón – die Namensänderung in ‚Kolumbus’ stellt eine unglaubliche Frechheit dar – nach wie vor die Entdeckung Amerikas zuschreibt.“
„Was meinen Sie damit, Herr Doktor? Das hört man doch überall, in den Medien wird’s gesagt und in allen Schulbüchern steht es ebenfalls“, wundert sich Gudrun von Winter, Lisas Mutter.
„Der Reihe nach“, erwidert der Altamerikanist. „Beginnen wir mit dem Namen ‚Christoph Kolumbus’ – jeder Journalist weiß, daß es eine Todsünde ist, Namen falsch zu schreiben...“
„Richtig, sagt unser Chefredakteur auch immer“, fällt Lisa ihm ins Wort, „tut mir leid, Ludwig, ich habe dich unterbrochen.“
„Keine Affäre, also – der Mann, ein Genueser, hieß Cristofero Colombo; Umstände führten ihn nach Spanien, wo er sich, aus welchen Gründen auch immer, Cristóval Colón nannte. Wir müßten ihn folglich Colombo oder Colón schreiben. Es ist dummdreist und respektlos, Personennamen zu ändern! Soetwas ist auch mit Ausspracheproblemen nicht entschuldbar, denken Sie beispielsweise an die prägnanten amerikanischen Laute: Daß in jeder Sprache bestimmte Aussprachen gegeben sind, ist bekannt, und es ist völlig normal, wenn native speaker fremde Vokabeln eben aussprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.
Für den Deutschen besteht kein Problem, die Namen Colombo oder Colón zu formen – und selbst wenn derlei Schwierigkeiten auftreten, ich denke jetzt an französische oder englische Namen, darf man ihre Schreibweise keinesfalls ändern! Ich wiederhole: Es ist dummdreist und respektlos, Personennamen zu verfälschen, womöglich in die eigene Sprache zu transformieren. Stellen Sie sich vor – ich konstruiere zwecks besseren Verständnisses einen Fall –, einen Deutschen namens Peter Stein würde man in Spanien nolens volens Pedro Piedra schreiben ... absolut undenkbar. Nehmen Sie unseren heutigen Gastgeber, Stefan Bach – kein Spanier käme auf den Gedanken, ihn als Estéban Arroyo in die Historie eingehen zu lassen.
Deutlichere Fiktion: Bitte stellen Sie sich vor, der Erfinder des Telephons, Johann Philipp Reis, würde in Spanien Felipe Arroz genannt, der Erfinder des Buchdrucks, Johann Gensfleisch zum Gutenberg, stünde als John Goosemeat to Goodhill in englischen und amerikanischen Schulbüchern – völlig unmöglich, doch die pathologische deutsche Überheblichkeit, Besserwisserei des sogenannten Volkes der Dichter und Denker, setzt sich nonchalant darüber hinweg, versieht eine bedeutende Person der Geschichte völlig selbstverständlich mit einem verballhornten Namen; Generationen von Schülern wurden und werden mit schlicht und ergreifend falschen Informationen gefüttert. Wie gesagt: Die Aussprache eines Namens differiert je nach Muttersprachler, doch die Schreibweise antasten ... das ist – besonders bei Persönlichkeiten auch der Geschichte – eine bodenlose, dreiste Frechheit.“

...

Begütigend antwortet Ludwig Schreiner: „Ich kann Sie gut verstehen, an Ihrer Stelle würde ich entsprechend reagieren. Wo war ich stehengeblieben? Ja – bei der Borniertheit der Kultusbürokraten. Colón, mit deren amtlichem Segen fälschlicherweise Kolumbus genannt, wird – und dies nun vermutlich weltweit, womit den hiesigen Kultokraten Teilabsolution zukommen darf – als Entdecker von Amerika bezeichnet, eine ebenso ungeheuerliche wie unreflektierte Behauptung, die schlichtweg falsch ist.“
„Also das müssen Sie jetzt aber begründen“, wirft Friedrich von Winter ein.
„Selbstverständlich. Vergegenwärtigen Sie sich bitte“, sagt der Altamerikanist mit Blick auf die interessierte Zuhörerschaft, „die Landmasse des amerikanischen Doppelkontinents, er erstreckt sich von Kanada und Alaska über Nordamerika, Mexico, die Karibik und Panama zum südlichen Teil – ich erwähne dazu nur Venezuela, Kolumbien, Brasilien, Perú, Bolivien, Argentinien und Chile – bis Feuerland, oder, pauschal und vereinfacht dargestellt, beinahe vom Nord- bis zum Südpol. Beinahe, das sei betont. Im Größenvergleich zu dieser gewaltigen Landmasse verhält sich Deutschland allenfalls wie die Spitze einer Stecknadel. Und die Entdeckung dieser Gebiete, der westlichen Hemisphäre unseres Globus’, schreibt man einem einzigen Manne zu, nämlich Cristóval Colón, der – und das ist bemerkenswert – Zeit seines Lebens, bis zu seinem Tode anno 1506 in Valladolid, unverrückbar überzeugt war, in Indien gewesen zu sein. Colón darf man als Erstbetreter einiger Karibikinseln wie Kuba und Haiti bezeichnen – und das ist auch schon alles. Ich halte es für wissenschaftlich unvertretbar, eine Person, die nicht wußte, wo sie war, die einige Karibikinseln als erste betrat, zum Entdecker der gesamten amerikanischen Landmasse hochzustilisieren. Davon, daß das jeder zitiert, wird die Sache denn auch nicht richtig!“


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TEXTAUSZUG EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Mehrere Tage hatten wir das Bordell und was in ihm vorging sowie bergauf und bergab jene Straße erkundet, an der es lag. Wir suchten herauszufinden, welche Gewohnheiten bestanden: Kamen die Freier in das Haus, wohnten die Frauen dort oder gingen sie mit den Männern nur dort hinein, der Verwerflichkeit zu frönen? Unsere Kleidung wies uns als Händler aus, Menschen, die nach Las Indias gegangen waren, ihr Glück zu machen. Die Kleidung hielten wir bewußt ärmlich, damit niemand glaube, wir seien reich. Das nämlich hätte uns der Gefahr des Beraubtwerdens ausgesetzt. So aber, in der bewußten bodega vorgebend, jeden doblo sparen zu müssen, wurde allen klar, daß wir nur unter Verzicht auf andere Dinge den Wein kaufen und trinken konnten. Gustavo, der, bevor er Soldat geworden, auch auf dem Felde gearbeitet hatte und daher Kenntnisse dazu besaß, sprach mit den anderen Gästen am Tresen über Getreidearten und wie man sie lagere. Niemals gerieten wir in den Verdacht, etwas anderes zu sein als das, was wir zu sein schienen.

Ihnen hat der Buchauszug gefallen? Dann können Sie das Buch bei meinen » Vertriebspartner entweder als praktisches E-Book oder als haptisch ansprechende, gebundene Version erwerben. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Schmökern.

 

Ihr: Winfried Kurt Dunkel


Wissenschaft/Geschichte | Verlag: tredition GmbH externes linksymbol | Sprache: Deutsch | ist als Hardcover: ISBN 978-3-7439-0900-7 (680 Seiten) und als Paperback: ISBN 978-3-7439-0899-4 sowie als E-Book ISBN: 978-3-7439-0901-4 erhältlich. | Format: Wissenschaft | Seiten: 680 | Altersempfehlung: keine Altersbeschränkung (0 - 99) | Erscheinungsdatum: 14.12.2014 | Schlagworte: Eisenbahn, Peru, Abenteuer, Inka, Manuskript, Liebe, Dramatik, Schatzsuche | Auflage: 3
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Copyright: Winfried Kurt Dunkel Impressum | Datenschutz