Der Ica-Papyrus

Abbildung zeigt das Berg/Talmassiv von Machu Piscchu in Perú aus der Vogelperspektive
El Candelabro, Ballestasinseln, Peru, ©pakhnyushchyy - 123rf.com

Die Bonner Familie Bach – bekannt aus »Das Inka-Manuskript« – lebt gemeinsam mit der mittlerweile fünfjährigen hochbegabten Tochter ihren unalltäglichen Alltag. Im November 1988 erfahren sie von Tochters Patentante, Doktorin der Archäologie, verblüffende Neuigkeiten: Eine peruanische Kollegin hat ihr per Paket eine hölzerne Schatulle übersandt. Inhalt: 17 römische Schriftrollen. Man fand sie in der Stadt Ica, Perú, bei Ausschachtungsarbeiten ... unglaublich! Die Archäologin übersetzt die Rollen ins Deutsche und macht damit die wohl gewagteste Unternehmung der Antike allgemein zugänglich: Es beginnt mit Aufregung und Wortgefechten im Senat von Rom: Drei Kriegsschiffe sollten vor Jahresfrist Afrikas Küsten erforschen; sie kehrten nicht zurück. Endlich fällt die Entscheidung: Fünf Schiffe gehen als Suchexpedition anno 3 v. Chr. in See. An Bord des Flaggschiffes dient Senatsschreiber Quintus Afranius Sulla – er hatte bei der Führung des Sitzungsprotokolls gravierende Fehler begangen und wurde dorthin strafversetzt. »Verfasse deine Iliade«, befahl Princeps Octavianus ironisch. Dem kommt der junge Scriptor gewissenhaft nach, schreibt spannungserzeugend auf, was unterwegs geschieht, erstellt insgesamt 17 Schriftrollen. Sie dokumentieren den Verlauf der Fahrt, künden von zahlreichen Problemen, schildern eine blutige Seeschlacht und den Verlust der vier Geleitschiffe. Nunmehr allein auf dem Ozean, gerät das Flaggschiff in unbekannte Meeresströmungen, wird in fremde Welten entführt. Die Römer sehen sich mit Erlebnissen, Gefahren und Entdeckungen konfrontiert, die eines Odysseus mehr als würdig sind. Und der unalltägliche Alltag der Familie Bach gerät dank der Lektüre noch bunter, wozu ihr kluger Kater seinen Teil beiträgt …

Die Abbildung zeigt ein Buch-Cover von dem >>DasInka-Manuskript<<

Wissenschaft/Geschichte
Sprache: Deutsch
Das Buch ist als Hardcover:
ISBN 978-3-7439-5469-4 (668 Seiten) und als Paperback: ISBN: 978-3-7439-5468-7 sowie als E-Book ISBN: 978-3-7439-5470-0 erhältlich.
Erscheinungsdatum: 08.09.2017
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Daniel R.

Kundenrezension

Bei der Lektüre dieses Buches dachte ich jedenfalls etwas amüsiert an die früheren, trockenen Unterrichtsstunden in der Schule, in denen die Geschichte dieses großartigen Volkes behandelt wurde und welche in Verbindung mit einschlägigen Hollywoodproduktionen für mein gewisses Desinteresse an diesem Thema gesorgt haben. Da mir aber „Das Inka-Manuskript“ außerordentlich gefallen hat und es sich hier um die Fortsetzung handelt, war es logisch, dass ich mir dieses Werk besorgte. Ich habe es nicht bereut. Es liest sich ...

TEXTAUSZUG Zweites Kapitel

Der Haushalt der kleinen Familie Bach, respektive Bach-von Winter, wenn man Lisas Doppelnamen verwendet, läuft seit dem recht turbulenten Sonntag wieder „im Normalbetrieb“. Am besagten Sonntag war allerhand los, denn sie holten ihre kleine Tochter Kathrin-Ilona bei den Großeltern ab. Das aber ging nicht so schnell, denn erwartungsgemäß bestanden Lisas Eltern darauf, daß sie zum Mittagessen blieben, danach zogen die Gespräche sich hin – natürlich wollte die hochbegabte Kathrin alles ganz genau wissen – und es gab Nachmittagskaffee mit von Gudrun von Winter, Kathrins Oma, selbst gebackenem Kuchen.
Anschließend fuhren sie noch in die Stadt, die in sonntäglicher Ruhe lag, weshalb es sogar in der wochentags stark frequentierten Tiefgarage unter dem Marktplatz viele freie Stellplätze gab. Die kleine Kathrin liebt es, durch die Altstadt zu schlendern und von Mutti auf alle die Stadt betreffenden Fragen fundierte Antworten zu erhalten. Die Münsterkirche und der Bahnhof sind bei derlei Sonntagsspaziergängen obligatorisch; in Frühjahr und Sommer dagegen strebt die Kleine meist in Richtung Botanischer Garten oder Rheinufer – was gibt es da für ein aufmerksames Kind alles zu sehen und zu bestaunen!

Nach einem gemeinsam mit ihrer Tochter zurückgelegten kurzen sportlichen, teils im Laufschritt absolvierten Weg durch das nahe der Wohnung befindliche Baumschulwäldchen, sitzen Lisa und Stefan im Wohnzimmer und spielen mit der Kleinen Halma – ein nicht ganz leichtes Spiel, dessen Regeln die knapp Fünfjährige dennoch sehr rasch verstand.
„Wieder eine Sechs!“ strahlt Kathrin und setzt die Spielfiguren entsprechend.
„Halt‘ die bloß von Las Vegas fern“, unkt Stefan und will noch eine weitere scherzhafte Bemerkung anbringen, als das Telephon klingelt. „Ich geh‘ ran“, sagt er, nimmt den Hörer: „Bach...“
„Hallo, ihr reisenden Literaten“, kommt es vom anderen Ende.
„Ilona! Schön, von dir zu hören! Lisa und ich haben ein schlechtes Gewissen, weil wir uns nach dem Wien-Abenteuer bei dir und Ludwig noch nicht melden konnten. Wir mußten ja Kathrin bei den Großeltern abholen – du kannst dir denken, was die alles wissen wollten ... von unserem kleinen Spatzi mal ganz zu schweigen. Und heute – hmm, echt vergessen, entschuldige bitte!“
Ilona Siegle versteht vollkommen: „Ist doch klar, zunächst muß der familiäre Alltagsablauf wieder in Gang kommen.“
„So ist es! Aber sag‘ mal – du rufst während der Dienstzeit vom Museum aus an?“
„Richtig, Stefan. Also ... wir erhielten vor rund zwei Wochen von meiner Kollegin Juanita Mantari Flores – du erinnerst dich, die peruanische Archäologin, die uns damals bei der satirischen Schatzsuche in Cuzco behilflich war – ein Telegramm zwecks Information, eine große Paketsendung mit unglaublichem Inhalt sei unterwegs zu unserem Museum...“
„Paket, unglaublicher Inhalt?“ unterbricht Stefan ungewollt.
„Ja, in der Tat!“, bestätigt Ilona Siegle und fährt fort: „Sorgfältigst verpackt, erreichten uns am vergangenen Donnerstag siebzehn römische Schriftrollen aus der Zeit um die Geburt Christi, Näheres später. Juanita meinte, wir seien für römische Artefakte erste Adresse, weshalb sie den Fund an uns weiterleitete. Aber das nur nebenbei. Du fragst dich jetzt bestimmt, wie römische Schriftrollen von Perú aus zu uns kommen konnten?“ Man hört förmlich Ilonas spaßigen Gesichtsausdruck.
„Allerdings frage ich mich das. Nun, vermutlich stammen die von einem Sammler in Perú, der verstarb oder seine Sammlung zu Geld machte?“
„Weder, noch. Es ist kaum zu fassen, aber...“ Ilona macht eine Kunstpause, dann: „Diese römischen Schriftrollen wurden bei Ausschachtungsarbeiten für ein Bürogebäude entdeckt – in Perú, genauer: in der Stadt Ica!“
„Waaaas?!“
„Du hast richtig gehört: in Ica, jener Stadt, die heutigentages zahlreichen Gourmets durch die dort in mehreren Destillerien hergestellte Edelsprituose namens ‚Pisco‘ bekannt ist. Wir tranken sie in Cuzco.“
„Ja, ich weiß. Und dieser Fund ist kein Studentenulk?“
„Mit Sicherheit nicht! An einem kleinen unbeschriebenen Teil, das ich vorsichtig ausgeschnitten und selbst mit der C-14-Methode geprüft habe, ließ sich eindeutig feststellen, daß die Schriftrollen tatsächlich fast zweitausend Jahre alt sind.“
„Aber wie kamen die nach Ica?“
Ilona lacht kurz, antwortet: „Genau diese Umstände sind dort wohl aufgeschrieben. Die Schriftrollen stellen nämlich, wie ich nach ersten Sichtungen annehme, gewissermaßen das Tagebuch eines Expeditionsteilnehmers dar, in bestem Latein und gestochen scharfer Schrift verfaßt...“
„Na, Latein kannst du ja fließend!“
„Schon, und deshalb übersetzte ich gleich die erste der siebzehn Rollen ... kommt doch mal vorbei, ist ja nicht weit, es lohnt sich – versprochen!“
„Dürfen wir Kathrin mitbringen?“
„Unbedingt, sie interessiert sich doch für solche Sachen.“
„Und für unzählige andere. Ilona, wir machen uns auf die Socken, wie man so schön sagt.“

„Haben wir alles? Schlüssel, Regenschirme für den Ernstfall?“, fragt Stefan humorig.
„Ja, auf geht’s!“
„Ich freu‘ mich, Tante Ilona mal wieder zu sehen. Es ist immer ganz toll spannend, wenn sie über die Römer erzählt, was man alles entdeckt und erforscht hat.“ Kathrin ist Feuer und Flamme, denn das Museum, in dem Ilona arbeitet, findet sie „super“; sie vermag sich bereits vorzustellen, wie das Leben im antiken Rom vonstatten ging.

Lisa und Stefan – sowie natürlich die kleine Kathrin – kennen sich im Landesmuseum dank zahlreicher Besuche gut aus und so währt es nicht lange, bis sie vor Ilonas Bürotüre stehen, neben der in einem schwarzen Rahmen zu lesen ist: „Forschungsabteilung – Dr. Ilona Siegle“.
Es wird angeklopft, dann treten die drei ein und Ilona begrüßt sie freudig: „Hallo – schön, euch zu sehen!“
„Ebenso!“ Herzliches Händeschütteln, dann Mäntelaufhängen.
Ilona bietet an: „Setzt euch doch bitte! Kathrin – möchtest du ein Vitaminbonbon?“
„Ja, gerne, danke!“
„Nun erzähl‘ mal – römische Schriftrollen in Ica ... wie kamen die dahin?“ Stefan ist nach wie vor höchst erstaunt über diese Tatsache.
„Die Antwort auf deine Frage steht noch offen. Bis jetzt habe ich erst eine der Schriftrollen übersetzen können – reines Zeitproblem. Es sieht aber so aus, als ob, wie am Telephon angedeutet, die Rollen die gesuchte Erklärung liefern würden. Jedenfalls sind sie von einem Profi verfaßt worden, der um die Zeitenwende herum Schreiber des Senats von Rom war...“
„Zeitenwende? Irgendwie klemmt es bei mir...“ Lisa schüttelt den Kopf.
„Ach so, ja, das ist die Bezeichnung für die Zeitrechnung ‚vor Christus‘ und ‚nach Christus‘, soll heißen: Es gibt kein ‚Jahr Null‘, mit Christi Geburt beginnt die Zeitrechnung ab dem Jahr 1 aufsteigend in unsere Dezennien. Alles, was zuvor geschah, wird mit ‚vor Christus‘ datiert.“
„Natürlich, weiß doch jeder, ich hatte einen momentanen Aussetzer.“
„Kein Problem, Lisa! Manchmal hängt man an selbstverständlichen Dingen fest, blickt nicht durch. So gesehen, liefert der Verfasser der besagten Schriftrollen uns eine wertvolle Gedankenstütze, indem er sämtliche dargestellten Vorgänge und Ereignisse zeitlich stets auf den Herrscher Octavianus bezieht. Weil dessen Person lückenlos erforscht und datiert ist, lassen sich die Schilderungen in den Schriftrollen – so mein erster Eindruck – mühelos zeitlich zuordnen.“
„Octavianus ... irgendwas klickt da im Hinterkopf. Sagst du uns was dazu?“, bittet Stefan.
„War das ein König?“, möchte Kathrin wissen.
Ilona lächelt leise und erläutert: „Die in den Schriftrollen niedergelegten Ereignisse fanden zur Regierungszeit des Octavian statt, der später auch Augustus genannt wurde. Er gilt als Begründer des Prinzipats und war eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Antike. Dreiundvierzig Jahre leitete er die Geschicke des größten Reiches der geschichtsträchtigen Antike und seine Regierungszeit darf man mit Fug und Recht als das ‚Goldene Zeitalter’ Roms bezeichnen; die ‚pax augusta’ ist das Symbol einer zum größten Teil friedlichen Ära, die zudem reiche kulturelle Aspekte aufwies; übrigens lautete sein kompletter Titel am Ende der Regierungszeit immerhin ‚Imperator Caesar Divi filius Augustus, Pontifex Maximus, Consul XIII, Imperator XXI, Tribuniciae potestatis XXXVII, Pater patriae‘ – das läßt sich hören, gell?“
„Uff“ macht Stefan.

****

Bericht des Quintus Afranius Sulla
Erste Schriftrolle
Protokollon: Der Verfasser, Sitzung des Senates

Mein Name lautet Quintus Afranius Sulla, mein Alter beträgt zu Beginn dieser Niederschrift achtundzwanzig Jahre; verheiratet bin ich mit der edlem Hause entstammenden Iulia Secunda, deren Vater in gerader Linie von den Iuliern abkommt, was ihn bewog, seiner zweiten und Lieblingstochter diesen Namen zu verleihen. Vor nunmehr drei Jahren berief man mich als Scriptor des Senates von Rom, woselbst ich der Aufgabe obliege, die Sitzungen schriftlich auf Papyrus festzuhalten; man darf mich somit auch Protokollführer heißen.
Wie kommt ein noch junger Mann wie ich, der dem Dienste in der Legion aufgrund politischen Taktierens meines Vaters enthoben war, als Schreiber in den Senat von Rom? Nun, meinem Vater gelang es nach etwelchen Besprechungen, mich in eben jenen Posten zu verbringen, der – weil ich damit im Dienste des Senates und des Volkes von Rom stehe – letztendlich als Ersatz für die Legionszugehörigkeit anerkannt wurde. Meine körperliche Statur eignet sich ohnehin, dies will ich gerne gestehen, eher zum Schreiber denn zum Kämpfer; und mein Vermögen, mit der Rohrfeder gesprochene Worte in deren Geschwindigkeit auf Papyrus zu verbringen, war Grundlage für die nach entsprechenden Prüfungen erfolgte Übertragung des Amtes an mich. So geschah es durch die gütige Fügung der Götter, daß ich in Rom leben und arbeiten darf, ein ansehnliches, wenn auch eher kleines Haus bewohne, gelegen im Viminalis benannten Stadtteil.
Ein weiterer Umstand begünstigte diese meine Berufung in den Stand des Scriptor: Wie wir alle wissen, gab es in der langen Geschichte von Rom nicht wenige bewaffnete Auseinandersetzungen innerhalb des Staates; man spricht auch vom Bundesgenossenkrieg, der in den Jahren Einundsechzig bis Neunundfünfzig vor der Alleinherrschaft des Octavianus – später auch Augustus benannt – wütete. Es rebellierten mehrere Stammesgruppen, welche als gleichwertige Bürger Roms angesehen werden wollten. Nun kann aber nicht ein jeder ohne weiteres sich Bürger Roms nennen, weshalb dem Treiben Einhalt zu gebieten war. Mein Vorfahr Lucius Cornelius Sulla, dessen einen seiner Namen zu tragen ich die Ehre habe, kämpfte gemeinsam mit Gaius Marius im Bundesgenossenkrieg, lehnte allerdings die jenem Manne innewohnenden Reformgedanken ab.

*****

„Auf Wunsch des Princeps Octavianus sind wir damit befaßt, das Gebiet Africa weiträumiger zu erkunden. Wir haben uns bereits vor längerer Zeit seiner an das Mare Nostrum angrenzenden Provinzen bemächtigt, wissen um deren Werte auch als Kornkammer des Reiches“, deklamiert Senator Titus Flavius Buteo, rückt die Toga zurecht, die seinem linken Arm zu entgleiten drohte, und fährt fort: „Es ist anzunehmen – berücksichtigt man zudem Lage und Ausdehnung des Sinus Arabicus –, daß Africa eine sehr große Halbinsel bildet…“
„Damit sagst du uns nichts Neues, werter Titus“, fällt ihm der Princeps, auch „Augustus“ benannt, obwohl sein Name Octavianus lautet, ins Wort, „hier aber handelt es sich nicht um geographische Betrachtungen, sondern um drei wertvolle Kriegsschiffe und deren Mannschaften, die vor einem Jahr in See gingen und bislang nicht zurückkehrten.“
„Darauf wollte ich hinaus, Princeps!“
„Komm zur Sache!“, mahnen unisono zwei weitere Senatoren.
Titus Flavius Buteo macht eine unbestimmbare Handbewegung und ergänzt: „Mir geht es um den Verlust von Mannschaften und Schiffen als solchen, soetwas darf einfach nicht geschehen. Ich möchte also den verantwortlichen Ducenaren Praefecten auffordern, uns Näheres über die Mission zu berichten, die den Schiffen gegeben war! Vielleicht erlangen wir auf solche Weise rascher Klarheit über jene uns derzeit unbekannten Geschehnisse, welche der Rückkehr der beiden Triremen und der Liburne dawiderstehen.“
Jener hochrangige ältere Mann der Marine, würdevoll wirkend, erhebt sich von seinem Sitz, blickt in die Runde, sieht des Octavianus zustimmendes Nicken und spricht: „Seit die Meere von den Piraten gesäubert sind und zahlreiche Rädelsführer mit dem Tode bestraft wurden, bleiben – den Göttern sei Dank! – für unsere vorbildlich erbauten und ausgerüsteten Schiffe lediglich Patrouillenfahrten, um erneutes Korsarentum im Keime zu ersticken. Dennoch dürfen wir die enormen, dadurch entstehenden Kosten nicht aus den Augen verlieren: Die Schiffsführungen, Mannschaften, Seesoldaten sowie Ruderer erwarten ihren Lohn, der, im Verbund mit den Bau- und Unterhaltungskosten der Schiffe, jährliche Aufwendungen in Höhe von Millionen Sesterzen verursacht.
In einer Beratung im vergangenen Jahre kamen wir zu dem Schluß, es wäre sinnvoll, drei Einheiten unserer Flotte mit der Umschiffung Africas zu beauftragen, denn man sollte – da sind Princeps Octavianus und wir Ducenaren Praefecten völlig einer Meinung – im zeitlichen Verlaufe der Besetzung weitere reiche Gebiete im vermutlich sehr großen Africa aufzufinden versuchen…“
„Hört, hört!“ Den Senatoren gefallen des Praefecten Argumente.
„Es steht durchaus zu erwarten, im weitgehend noch unbekannten südlicheren Africa auf enorme Reichtümer zu stoßen! Die bereits besetzten und erforschten nördlichen, nordwestlichen und östlichen Gebiete dürfen uns nicht von der Prospektierung des restlichen Teils jener wahrscheinlichen Halbinsel abhalten! Was also lag näher als der Versuch einer Umfahrung, verbunden mit gewissen Vermessungen und ergänzenden Forschungen?“
Titus Flavius Buteo unterbricht: „Ich pflichte deinen Argumenten bei, doch aus welchem Grunde sind unsere drei Schiffe noch nicht zurück?“
„Da berührst du einen wunden Punkt, geehrter Titus: Niemand vermag zu sagen, welche Größe das Land aufweist, ob es womöglich sich bis zum Ende der Erdenscheibe ausdehnt und dort in den Orcus übergeht…“ Octavianus‘ Gedanke läßt Stille entstehen.
„Unsere Landvermesser fanden bis heute keinerlei Übergänge in den Orcus, wo auch immer sie tätig waren“, äußert ein jüngerer Senator spöttisch in der lastenden Ruhe.
„Enthalte dich deiner Ironie, junger Gaius Publicius Dives, sie ist fehl am Platze!“ Octavianus funkelt ihn böse an, bedeutet hernach dem Ducenaren Praefecten, mit seiner erläuternden Rede fortzufahren.
„Wir entschieden uns“, sagt selbiger, „zwei kampfstarke Triremen in Begleitung einer wendigen und schnellen Liburne zu entsenden, die im Falle nicht auszuschließender Kriegshandlungen dank ihrer vorzüglichen Manövrierfähigkeit die militärische Leistung der Triremen sinnvoll ergänzt…“
„Kriegshandlungen…?“ Senator Manius Gellius Germanicus versteht nicht recht.
Der hohe Marinebefehlshaber, der Ducenare Praefect, bescheidet ihn: „Können wir das Auftreten irgendwelcher wilden Stämme ausschließen?“
„Vielleicht sind die Männer und ihre Schiffe Opfer solcher Barbaren geworden?“
Vielstimmiges Raunen erfüllt den Saal.
Der Ducenare Praefect wehrt ab: „Undenkbar! Jede Trireme hat im Mittel achtzig Seesoldaten, zwölf Decksleute, hundertfünfzig Ruderer sowie die Schiffsführung an Bord; die Liburne war mit insgesamt siebenundsiebzig Männern besetzt. Die Bewaffnung mit weitreichenden Katapulten, welche auch die gefürchteten Brandsätze verschießen, die bestens ausgerüsteten Männer mit ihren Gladii, Hastae und allem, was wir kennen, lassen sich von womöglich auf Flößen oder kleinen Ruderbooten angreifenden Barbaren nicht überfallen wie ahnungslose Hasen! Die drei Schiffe stellen folglich mit ihrer Bewaffnung und den vorzüglich ausgebildeten Männern eine höchst wehrhafte Streitmacht dar, die allenfalls von seefahrenden Völkern wie etwa den verflossenen Karthagern und Phöniziern zu besiegen gewesen wäre. Vergleichbare Völker im südlicheren Bereich der africanischen Halbinsel dürften aber undenkbar sein, denn gäbe es sie, hätten außerhalb der Säulen des Herakles gewiß Begegnungen stattgefunden, weil solche ebenso wie wir Römer expansiv und forschungsinteressiert wären.
In der Marineleitung gehen wir Ducenare Praefecten folglich von zwei Aspekten aus: Erstens könnte Africa so groß sein, daß seine Umrundung viele, viele Monate erfordert; zudem besteht mindestens eine Landbrücke, nämlich im Gebiet Aegyptus, für die Schiffe unpassierbar – diese müssen in der Tat den gesamten Weg zurückkehren, den sie zuvor befuhren, falls Africa nicht doch aus Einzelinseln besteht. Zweitens bleibt tatsächlich die Sorge, Africa könne praktisch unermeßlich groß sein und seine Umrundung sich unter Berücksichtigung jener Landbrücke, welche Hin- wie Rückfahrt erfordert, in höchstem Maße verzögern. Die Möglichkeit des Absturzes in den Orcus möchte ich zusammenhangsweise ausschließen: Unsere Schiffe haben bereits unerhört weite Strecken zurückgelegt, und alle kehrten zurück, ohne das Ende der Erdenscheibe erreicht zu haben.“
In die Atempause des Marineoberen stellt Senator Decimus Laetonius Ahenobarbus seine These in den Raum: „Bis jetzt hielten unsere Schiffe nach Passieren der Säulen des Herakles und damit dem Erreichen des Entos Thalassa stets nördlichen Kurs auf das Mare Cantabricum, das ja als Teil desselben Meeres gilt. Zum ersten Male wandten sie sich nun gen Süden – vielleicht liegt ja dort das Ende der Erdenscheibe und der Beginn des Orcus?“
„Das ergibt Sinn!“
„Möge der Praefectus sich dazu äußern!“
„Ich vermag derlei Unwägbarkeiten nicht zu betrachten“, sagt der Ducenare Praefect, „ferner: Warum sollten die Götter ausgerechnet den Süden mit solch einer Falle versehen haben? Nein, werte Senatoren, so kommen wir nicht weiter!“
„Und wie kommen wir deiner Meinung nach weiter?“
„Indem wir logisch und mit militärischem Sachverstand vorgehen“, kontert der Ducenarius.
Senator Titus Flavius Buteo, dem die Sache sichtlich am Herzen liegt, meldet sich erneut zu Wort: „Bei allem Respekt für die Leistungen der Marine ist dennoch festzuhalten, daß wir Römer grundsätzlich eher eine zu Land kampfstarke Nation sind…“
„Dies galt in früheren Zeiten, nämlich vor dem ersten Punischen Krieg sowie allgemein im Konflikt mit Karthago – damals hatten wir den Wert der Seestreitkräfte noch nicht recht verstanden. Doch das änderte sich rasch, wie wir alle wissen: Enorme Anstrengungen führten zum Bau von zahlreichen Schiffen nach karthagischem Vorbild, die wir allerdings wesentlich verbesserten und allen hier im Saal dürfte bekannt sein, daß dank der in den Folgezeiten ständig wachsenden Bedeutung der Marine und deren Kampfkraft unsere Feinde sich zurückziehen mußten … warum wohl dürfen wir mit Fug und Recht das von uns eroberte Meer ‚Mare Nostrum‘ nennen? Heute verfügt unsere Marine über eine Stärke, die niemand zu übertreffen vermag; selbst die ehemals gefürchteten kilikischen Piraten mußten sich ihr ergeben…“
„Erteilst du uns Geschichtsunterricht?“ Ein grauhaariger Senator unterbricht mit diesem Einwurf den Ducenaren Praefecten.
Der lacht kurz und erwidert: „Nein, ehrenwerter Spurius Nepius Caudex, mein Sinn stand nur danach, Grundsätzliches in Erinnerung zu rufen. Auch schien es mir wichtig, auf die Leistungsfähigkeit unserer Seestreitkräfte hinzuweisen, welchselbige sie gewiß davor schützt, irgendwelche Leichtsinnigkeiten oder Unachtsamkeiten zu begehen. Damit wollte ich sagen: Die Führung der drei verschollenen Einheiten besteht aus erfahrenen und kampferprobten Männern, die weder von der Erdenscheibe runterfallen noch arglos in den Orcus rudern würden. Wenn die Schiffe bis heute überfällig sind, muß das eine klare Ursache haben, die wir von diesem Saale aus wohl kaum werden erkennen können.“
„Worauf willst du hinaus, Ducenarius?“ Octavianus runzelt die Stirn.
„In der Marineleitung sind wir uns einig: Du, Princeps, solltest unverzüglich den Auftrag erteilen, eine Suchexpedition auszurüsten!“
„Eine Suchexpedition…“ Neuerlich erfüllt vielstimmiges Raunen den Sitzungssaal.
„Ja“, bekräftigt der Ducenare Praefect mit lauter Stimme, „wir dürfen unsere Seeleute und Soldaten nicht im Stich lassen, müssen ihnen zu Hilfe eilen!“
„Und dabei weitere geographische Erkenntnisse gewinnen, so wir des Glückes teilhaftig sind“, bekräftigt Titus Flavius Buteo.

*****

Und Princeps Octavianus zeigt sich im Rahmen einer kurzen neuerlichen Senatsversammlung vom Fortgang der Vorbereitungen in höchstem Maße erfreut: „Senatoren von Rom! Mit ungewöhnlicher Raschheit schreiten die Vorbereitungen der Suchexpedition voran. Wie mir gesagt wurde, verfügen wir über vorzügliche Mannschaften und Befehlshaber und der festgesetzte Abreisetag wird eingehalten. Übermorgen also, zur dritten Stunde, wird die Trireme ‚Metapontum‘, befehligt von dem hervorragenden Nauarchus Princeps Sextus Vergilius Maximus, welcher mein volles Vertrauen besitzt, von Ostia aus in See gehen. Die Geleitschiffe stoßen dazu, wie von der Marineleitung geplant. Mögen die Götter uns hold sein! Lasset uns nach dieser Sitzung zum Tempel des Neptunus sowie jenem des Iupiter schreiten, ihnen entsprechende Opfergaben darzubringen.
Doch bevor dies geschieht, möchte ich einen noch offenen Posten auf der ‚Metapontum‘ besetzen ... Schreiber Quintus Afranius Sulla – erhebe dich und höre zu!“ Des Octavianus Blick, mit dem er mich mustert, wirkt streng, seine Überlegungen lassen offenbar ein Damoklesschwert über mir entstehen.
Wie gar sehr streng jene Gedanken sind, offenbaren mir seine mit unbewegter Stimme vorgetragenen Worte: „Ich habe das von dir, Quintus Afranius Sulla, niedergeschriebene Protokoll der Senatssitzung mit Datierung Ante Diem III Calendas Augustas gelesen ... dazu sei meinerseits ausdrücklich deine vorzügliche Arbeit hervorgehoben: sehr sauber geschrieben, übersichtliche Darstellung der Tabellen und einfallsreich die Umrißzeichnungen der Schiffe. Sehr gut, Quintus! Aber ... aber...: Es geht nicht an, persönliche Eindrücke und Bewertungen des Scriptor in amtliche Dokumente des Senates von Rom einzufügen; für die Nachwelt ist es völlig unbedeutend, wenn ein Senator seine Toga zurechtrückt ... näher betrachtet läßt sich gar sagen, dies ruft bei späteren Generationen die Vorstellung hervor, jener Senator wäre ein unsorgsamer, schlampiger Mensch! Für die Nachwelt ist es völlig unbedeutend, wenn du dem Ducenaren Praefecten Ärger unterstellst. Et cetera. Du verstehst: Derlei Beifügungen sind in Senatsschriftstücken absolut fehl am Platze! Auch hat sich der Scriptor jedweder Mutmaßung zu enthalten, Mutmaßungen, die du mehrfach in das Sitzungsprotokoll eingefügtest.“
Octavianus macht eine Pause, während derer mir der Kopf schwirrt, Wellen einer Mischung aus Angst und Übelkeit mich durchjagen. Wird man mich einer wie auch immer gearteten Strafe überantworten? Auspeitschung durch die Lictoren womöglich?
Endlich fährt der Princeps fort: „Der Senat von Rom und ich schulden dir Dank für die bisher geleistete Arbeit, Quintus Afranius Sulla. Auch übersehen wir nicht deine Abstammung, deine Vorfahren, unter denen der große Lucius Cornelius Sulla unvergessen bleibt und heute noch verehrt wird. Ergo sei dir dein Fehltritt verziehen, verbunden mit der Übertragung einer großen Aufgabe, die eines bedeutenden Mannes würdig ist: Schnüre dein Bündel, denn übermorgen wirst du zur Ersten Stunde in Ostia an Bord der Trireme ‚Metapontum‘ erwartet! Princeps Octavianus et Senatus Populusque Romanus erteilen dir den Befehl, als Scriptor die Suchexpedition zu begleiten, getreulich alles aufzuschreiben, was sich begibt – und dafür käme mir kein besser geeigneter Römer in den Sinn als du, schließlich hast du mit dem Protokoll der besagten Senatssitzung und dessen phantasievoller Ausschmückung bewiesen, daß du ein Dichter bist, würdig eines Homer... Verfasse also deine Iliade von der Expedition. Quintus Afranius Sulla – hiermit bist du für die Dauer der Expedition Schreiber auf der ‚Metapontum‘. Unser aller gute Wünsche begleiten dich.“
„Aber Princeps ... meine Frau...“
„Du darfst dem Princeps keine Einwände vorlegen“, bescheidet mich einer der Senatoren.


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TEXTAUSZUG SIEBTES KAPITEL

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Bericht des Quintus Afranius Sulla
Vierte Schriftrolle
Protokollon: Opfer für Neptunus

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Cassius, der verantwortlich das Vorsegelmanöver geleitet hatte, blickte zufrieden, als er mir sagte: „Siehst du, Quintus, so legt man ein großes Kriegsschiff an. Das war hier wesentlich schwieriger als in Puteoli, der auflandige Wind... Schön, du hast alles genau aufgeschrieben – sehr gut!“ Er fügte lächelnd an: „Du und dein Ambo ... fast schon das Wahrzeichen der ‚Metapontum‘. Ich glaube, noch nie wurde ein Anlegemanöver genau beschrieben. Du hast es getan, großartig, denn Menschen späterer Zeiten vermögen an Hand deiner Aufeichnungen zu erkennen, wie in der römischen Marine alles vonstatten ging.“
„Danke, Cassius! Was folgt nun?“, fragte ich.
„Übernahme von Proviant und Trinkwasser, dann Freizeit. Komm, laß uns zum Nauarchus gehen und ihn um kurzen Landurlaub bitten; nach sechs Tagen auf See ist festes Land unter den Füßen recht angenehm – und überhaupt...“
Derweil es mich siedend durchfuhr, wollte ich wissen: „Gibt’s in der Nähe des Hafens willige Frauen?“
„Gewiß, doch du weißt, Herzensliebe zu Frauen ist nicht mehr mein Thema, der Mann aber braucht sie und deshalb tue ich es gewissermaßen aus Rache: Einer käuflichen Frau beiwohnen, und mich schadlos halten für das, was ich erleben mußte...!“
Ich lachte: „Beiwohnung aus Rache ... der Raub der Sabinerinnen mit neuem Aspekt, wenn ich’s mal kühn formulieren darf!“
„Ich glaube, wir werden noch viel gemeinsam erleben“, meinte Cassius, „und nachher machen wir den Ort unsicher. Von früheren Anlandungen hier in Hippo Regius weiß ich: Es gibt dort ein Haus für gewisse Stunden, es heißt ‚Weißer Tempel‘, dort erwarten den suchenden Mann erfüllende Freuden – laß uns hingehen!“
„Nichts lieber als das, Cassius, edler Freund!“
Und der verständnisvolle Nauarchus, der selbst gleichfalls auf Landgang wollte, gab uns mit frivolem Grinsen freie Zeit. Als ich wegen selbiger der restlichen Besatzung nachfragen wollte, hinderte mich Cassius, der mein Vorhaben gespürt haben mochte, daran, indem er sagte, der Seemann sei stets ein aufrechter Kamerad, doch bekümmere er sich nicht um private Belange anderer. Dies wäre Sitte. Ich verstand und hielt meine Frage in letztem Augenblicke zurück.
Um die erste Stunde des Folgetages erwarte er uns auf der „Metapontum“ zurück, verkündete der Nauarchus; Auslaufen erfolge in der zweiten Stunde – die Reise sei noch weit...

Der eine oder andere, welcher meine Zeilen in ferner Zukunft lesen wird, erwartet möglicherweise anschließend die Schilderung des Cassius und meiner Erlebnisse in jenem Hause, welchselbiges „Weißer Tempel“ benannt war. Solche muß ich der Enttäuschung anheimgeben: Diese Schriftrollen verstehe ich als Dokument unserer ungewöhnlichen Expedition und nicht als in fürwahr intime Details versinkende Lustbarkeitsquelle.

*****

Natürlich eignete mir Angst, denn ich erlebte solche Situation zum ersten Male. Aber ich vertraute völlig auf die Fähigkeiten der Schiffsführung, war, wie Cassius, heilfroh, unter dem Kommando des Sextus Vergilius Maximus zu stehen, des besten Seemannes der römischen Marine. Ich gürtete meine braune Tunica – die Toga würde der Sturm mir gewiß vom Leibe reißen –, faßte Mut und ging zurück an Deck, wo ich mich heckwärts wandte, denn dort sah ich den Nauarchus und den Gubernator, um nach bestimmten Befehlen an mich zu fragen. Die beiden Kommandierenden waren mit um die stabilen Anlegepoller und den Leib gewundenen Seilen gesichert, hockten hinter Schutzverschlägen und hielten das Meer und den beständig sich verfinsternden Himmel scharf im Auge.
„Geh‘ rasch zum Vorschiff, Quintus, und hilf Cassius mit dem Focksegel, seine beiden Männer benötigen wir als Sicherung für die Schutzplanen. Er hält, soweit machbar, mit uns Sichtkontakt und wird – nun mit deiner Unterstützung – gegebenenfalls die Trimmung des teilgerefften Segels variieren, um die ‚Metapontum‘ möglichst auf Kurs zu halten.“
„Zu Befehl!“ Ich verneigte mich kurz vor dem Nauarchus und lief geschwind zum Vorschiff, wo ich mich bei Cassius als Segelhelfer meldete. Von nun an gehörte ich wahrlich zur Mannschaft.

Und dann brachen die Gewalten des Orcus über uns herein...!

Von „Kurs halten“ konnte keine Rede sein: Die „Metapontum“, allen Göttern sei Dank, in der Werft besonders ausgerüstet, parierte das erste Wüten von Sturm und Wellenbergen erstaunlich sicher. Der Gubernator und seine Rudergänger mühten sich, das Schiff bugseits gegen die Wogen zu halten, damit diese es nicht seitlich fassen und zum Kentern bringen konnten. Das gelang eine Weile, aber dann verstärkte sich der Sturm, heulte wie ein Dämon, und damit gerieten Wellenberge und -täler noch furchterregender, als sie es ohnehin schon waren, kamen nun häufig aus unterschiedlichen Richtungen, wohl weil Strömungen und Winde miteinander fochten. Brecher rauschten an Deck, hätten alles Unbefestigte hinweggespült – doch es war Vorsorge getroffen –, gischteten bedrohlich über das Vorschiff, verwandelten den Heckbereich in wildes Gestrudel. Mit teilweise gefährlicher Krängung nahm die „Metapontum“ die Wellenberge, glitt wieder talwärts, ruckartig schwankend und stampfend: Wie Cassius mir erklärte, liegt der Schwerpunkt der üblichen Trireme riskant hoch, doch wurde die „Metapontum“ diesbezüglich ja verbessert.
„Quintus – pack‘ die Leine ... Vorsegel weiter reffen und...“
Weiter kam er nicht, denn ein Mitglied der Seemannschaft hatte sich unter Lebensgefahr zu uns ans Vorschiff gekämpft und schrie: „Befehl des Nauarchus: Segel komplett reffen und niederholen – wir legen zu weit über!“
„Verstanden!“, rief Cassius und bedeutete mir, dieses herabhängende, im Sturm peitschende Seil zu fassen und gleichzeitig mit ihm, der das andere bediente, zu ziehen. „Und eins – und zwei – und drei...“
Quälend langsam legte sich das Segel zusammen, der fauchende Sturm versuchte ständig, es aufzublasen. Endlich – Reffen fertig.
„Jetzt runter mit dem Ding!“, kommandierte Cassius, der das erhebliche Gewicht des vom tosenden Regen nassen Vorsegels gemäß dem Befehl des Nauarchus – und seiner eigenen Erfahrung – nicht oben am Mast belassen wollte. Er zeigte mir, wo die Aufriggeleinen befestigt waren, wir lösten die speziellen Seemannsknoten – und das volle Gewicht von Segel und Rah lastete auf uns, genauer gesagt: Das schwere Segel schien uns von den Füßen zu heben, derweil die „Metapontum“ Krängungswerte durchstand, die kein Fachmann einer Trireme zugetraut hätte.
„Achtung, Quintus: Jetzt Hand über Hand Leine nachlassen...!“
Mich mühend, es ihm gleichzutun, ließ ich mein Seil – der Seemann nennt es Leine – Stück für Stück, Hand über Hand eben, nach, und bei jedem neuen Zufassen kam das Segel ein Stückchen weiter herunter. Wir leisteten schwere Arbeit, doch bot das Seil mir unerfahrenem Helfer gewissen Halt, ohne den ich auf dem übertosten, schwankenden und bockenden Deck wohl Opfer der tobenden Gewalten geworden wäre: Bei unserer Arbeit benötigten wir Bewegungsfreiheit, konnten uns folglich nicht mit Seilen angurten wie der Nauarchus und sein Gubernator. Was uns schützte, war einzig und allein die stabile hölzerne Reling – da stürzte erneut ein wilder Brecher über das Vorschiff, der offenbar irgendwelche schweren Fremdkörper mittrug ... und unter lautem Splittern und Krachen ging ein Teil der Steuerbordreling verloren. Was mochte das gewesen sein? Vielleicht Bruchstücke von unseren Geleitschiffen? Jeglicher Sichtkontakt war verloren und der Hornist vermochte gegen das Sturmgeheul nicht anzublasen.
Es währte seine Zeit, bis das Vorsegel unten am Mast ankam, Cassius stürzte sich wie ein Ringer darauf, bevor es unter den wüsten Bewegungen des Schiffes sich losreißen und weiteren Schaden anrichten konnte. Ich erkannte seine Mühe, das gereffte und niedergeholte Segel festzubinden, zu „belegen“. Also ließ ich mein Seil los, wollte Cassius unterstützen. Justament in diesem Augenblick holte die „Metapontum“ heftig nach Steuerbord über und ich verlor Halt und Gleichgewicht, griff hilflos um mich, fand aber nichts, woran ich mich hätte anklammern können. Das übers Deck schäumende Wasser riß mich mit ... in Todesangst, welche die unglaublichsten Leistungen hervorbringen kann, bekam ich ein anderes Tau zu fassen, das jedoch jeglicher Befestigung entbehrte oder sich von ihr entrollte – und das wilde Wasser fegte mich weiter, ich schrie auf vor Angst und schließlich wüstem Schmerz, als ich gegen einen der Belegpoller nahe der Bordwand geschleudert wurde, der allerdings meinen Sturz ins Meer verhinderte. Naß, glatt, finster ... nach Atem ringend, umklammerte ich mit aller restlichen Kraft diesen Poller, spürte jedoch, wie meine Umgreifung schwächer und schwächer wurde, fühlte, von der wütenden See, jenem Untertan des Neptunus, als Opfer gefordert zu werden... Meinem linken Arm entglitt der Poller unter den heftigen Bewegungen der „Metapontum“, den immer wieder überkommenden Wogen und dem panikerzeugenden Tosen des Sturmes – ich gab mich geschlagen, Neptunus, nimm mich an... Da spürte ich kraftvoll zupackende Hände, die mich beiseiterissen, sie taten mir weh, brachten jedoch Rettung. Irgendwer trug mich wie einen Sack auf den Schultern übers Deck zum Niedergang in den zweiten Rudererraum. Dort verlor ich das Bewußtsein.


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TEXTAUSZUG ZEHNTES KAPITEL

*****

Jede Menge Gegenverkehr, die Bachs müssen links in den Lambareneweg einbiegen. Hinter ihnen staut es sich, derweil das Blinkrelais tickert. Endlich zeigt ein Fahrer des Gegenverkehrs freundliches Verhalten: Kurze Lichthupe und Stefan lenkt den Volvo zügig in den Weg zum Tierheim. Parken – Glück gehabt, zwei freie Plätze. Aussteigen, Auto abschließen und mit der mittlerweile aufgeregten Kathrin ins Tierheim, zum Verwaltungsbüro, wo man sie dank telephonischer Anmeldung bereits erwartet. Den in den vergangenen Tagen gekauften Katzen-Transportkorb nehmen sie mit; es war den Eltern gelungen, das recht umfängliche Teil vor Kathrin ebenso zu verstecken wie das Futter- und Trinknapfset: die Überraschung sollte schließlich perfekt werden.

In der Katzenabteilung gibt es saubere Gehege, in denen zahlreiche Stubentiger mehr oder weniger gelangweilt herumsitzen oder -streifen, manche dösen, scheinen gar zu schlafen. Katzen in allen erdenklichen Farben und Zeichnungen; überwiegend der Rasse Felis Silvestris Libycae angehörend, der auch Europäisch Kurzhaar benannten Spezies „Hauskatze“. Erstaunlicherweise vertragen sich die Einzelgänger miteinander.
Im anschließenden Gehege sind Edelkatzen zu bewundern. Arme Geschöpfe, von neulustgesteuerten Zeitgenossen gekauft, nach gewisser Weile als lästig empfunden und ausgesetzt oder unter fadenscheinigen Begründungen dem Tierheim übergeben. Mit einer Katze leben, erfordert Kenntnis ihres Wesens. Wer nicht weiß oder begreift, daß Katzen keine Zwänge dulden, sich nicht hundeartig dressieren lassen, ihren Willen frei durchsetzen, der zieht den Kürzeren und das Zusammenleben mit der Katze gerät aus den Fugen. Man muß eigentlich nur folgendes Faktum verinnerlichen: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal...
Die Tierpflegerin, eine freundliche junge Frau, sowohl von Stefan als auch Lisa telephonisch vorinformiert, sagt zu Kathrin: „Schau‘ mal, da drüben, auf der Bank – wie gefällt dir dieser Kater?“
Auf dem erhöhten Platz thront im klassischen Katzensitz ein ganz ungewöhnliches Exemplar: tiefdunkelbraunes, schimmerndes Fell, kraftvoll-muskulöse Statur, dicker Katerkopf und – sagenhaft! – große bernsteinfarbene Augen.
„Das ist Garfield, er ist erst seit drei Wochen bei uns. Ein ‚Scheidungsopfer‘ ohne Namen. Wir trugen ihn als ‚Garfield‘ in die Akten ein. Dieser Name stammt von Jim Davies, seinem Comic-Kater Garfield, wunderbare Storys – Mister Davies wollten wir damit eine Art Denkmal setzen, Ehre erweisen. Unser leibhaftiges Exemplar dort ist total lieb, etwas verspielt, auf sympathische Weise neugierig – ich würde es sogar ‚wißbegierig‘ nennen wollen –, aber immer seriös ... ja: seriös, mir fällt momentan kein besseres Wort ein.“
„Wunderschöner Kater! Sowas habe ich noch nie gesehen“, staunt Lisa, „welche Rasse ist das? Sieht ein bißchen wie ein sehr kräftiger Kartäuser aus, wenn man die Farbe mal außer acht läßt...“
Die Tierheimmitarbeiterin erklärt: „Seine Rasse ist hierzulande recht selten, jedenfalls im Vergleich zu Persern, Siamesen und so weiter. Garfield ist ein Britisch Kurzhaar; nach den Weltkriegen wurden sie, wegen der bei beiden vorherrschenden blaugrauen Farbe, mal eine zeitlang mit den Kartäusern, Chartreux, gekreuzt, da die Bestände beider Rassen ziemlich dezimiert waren. Seit ein paar Jahren werden Britisch Kurzhaar und Chartreux wieder getrennt benannt. Aber das ist unwichtig – Garfield mit seinem eher ungewöhnlichen dunkelbraunen Fell zeigt sich jedenfalls als typischer Vertreter seiner Art: Diese Katzen sind friedlich, geradeaus, niemals tückisch – und sie werden ziemlich groß. Garfield ist zirka anderthalb bis zwei Jahre alt und wiegt bereits um die sechs Kilo. Britisch-Kurzhaar-Kater erreichen in der Regel im Alter von vier Jahren sieben bis acht Kilo Körpergewicht – da haben Sie dann ein Kätzchen, das ungefähr einen Meter lang und ungemein kräftig ist, ein ‚laufender Meter Kater‘, um es spaßig auszudrücken. Aber wie gesagt: Britisch Kurzhaar sind friedlich und unser Garfield hier ist sowas wie ein britischer Gentleman – und mit besonders schönem Fellkleid.“ Mit Blick auf Kathrin bietet die Pflegerin an: „Willst du ihn mal aus der Nähe sehen?“
„Au ja! Stört das denn die anderen Katzen nicht?“
„Die kennen das, es kommen ja öfter Besucher her.“ Sie nimmt Kathrin an der rechten Hand, öffnet und schließt rasch die Drahtgittertür, geht mit ihr langsam und vorsichtig – um die Katzen nicht zu beunruhigen – ins Gehege, bis vor die Bank, auf der Kater Garfield sitzt und das Kind mit großen Augen interessiert mustert. Kathrin weiß, wie man Katzen begrüßt: Sie hält Garfield die Oberseite der rechten Hand hin, bleibt still und läßt ihn schnuppern. Der Kater stellt die Ohren vor, gibt ein leises „Miä“ von sich, steht auf und kuschelt sich an Kathrins Hand, die ihn nun an der Stirn krault. Garfields buschiger Schweif bewegt sich rhythmisch von rechts nach links, der Kater beginnt zu schnurren, blickt in Kathrins Augen. Die versteht schlagartig, was er will und nimmt den stabilen Burschen auf die Arme, was dieser mit verstärktem Schnurren und bisweilen geäußerten „Mau“-Lauten quittiert. Kathrin setzt sich auf die Bank, plaziert den Kater neben sich, der sofort auf ihren Schoß huscht, den Bauch nach oben dreht, die Pfoten hochstreckt, in den „Handgelenken“ angewinkelt.
„Tja“, erkennt die Tierpflegerin, „damit ist wohl klar, wo Garfield hin will.“
„Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – wie in ‚Casablanca‘... hatten wir letztens schonmal.“ Stefan muß lachen.
Lisa warnt: „Vorsicht, Kathrin – wenn eine Katze auf dem Rücken liegt und den Bauch zeigt, spielt sie gerne ‚Häckselmaschine‘. Das heißt: Sie wartet grinsend, daß du auf den Trick hereinfällst, berührst du ihr Bauchfell, hält sie deinen Arm mit den Vorderpfoten fest und mit den starken Hinterbeinen tritt sie synchron dagegen. Bei ausgefahrenen Krallen kann das ganz schön Fetzen geben – und Garfield ist ausgesprochen kräftig...“
„Na, Sie wissen Bescheid“, meint die Tierpflegerin, „aber bei Garfield müssen Sie keine Angst haben: Der fährt seine Krallen nur aus, um sie am Kratzbaum zu wetzen. Er ist total friedlich, sehen Sie...“ Die Pflegerin krault sanft des Katers Bauchfell, der schnurrt und sich wohlig dreht und windet.
Kathrin streichelt seine Stirn, was ihn veranlaßt, sich so lang wie möglich zu machen. „Du bist ein wunderschöner, großer Kater“, flüstert Kathrin und Garfield versteht, denn schlagartig und mit der unbeschreiblichen Grazie der Katzen wendet er sich wieder in Normallage: Rücken nach oben, Vorderpfoten kurz ausstrecken, Gähnen ... und dann geschieht etwas ganz Rührendes: Er drückt seinen Kopf unter Kathrins Kinn, äußert mehrere Laute, die vokabelartig aufeinanderfolgen und wie „mau-moau-miä“ klingen, dann schließt er die Augen und preßt sich an das liebevoll lächelnde Kind.
„Ich denke, Garfield mag dich“, stellt Stefan fest.
„Bitte, Vati – wir müssen ihn mitnehmen...!“
„Dafür sind wir hier“, bekräftigt Lisa, wendet sich an die Pflegerin und fragt: „Wie läuft jetzt das Geschäftliche? Sie sagten mir vor einigen Tagen am Telephon, das Tierheim erhebe hundertfünfzig Mark Schutzgebühr. Das ist in Ordnung – und wir legen selbstredend eine Spende oben drauf.“ Und so leise, daß die mit Garfield beschäftigte Kathrin es nicht hört, fragt sie: „Ist er schon...? Oder müssen wir das noch machen lassen?“
Die Tierheimmitarbeiterin zeigt das auf einem Clipboard angeklemmte ärztliche Formular, entgegnet kurz „Ist erledigt“, und fährt mit normal lauter Stimme fort: „Ich danke Ihnen im Namen der Katzen!“ Dann erklärt sie: „Ihre Tochter sollte den Kater in den Transportkorb bugsieren, wir nehmen ihn mit ins Büro, wo leider ein paar Formalien erledigt werden müssen.“
„Okay“, sagt Stefan, öffnet die Klappe des mitgebrachten Katzenkorbes, Kathrin nimmt Garfield auf die Arme, setzt ihn vor diese Klappe – und obwohl der Kater erstmal seitlich vorbei will, scheint er zu verstehen: Da muß ich rein, oder die nehmen mich nicht mit. Kathrin streichelt ihn sanft, lenkt ihn auf die Eingangsklappe hin – und Garfield huscht hinein. Lisa verschließt den Katzenkorb. Der Kater hat sich drinnen umgedreht und schaut mit großen, bernsteinfarbenen Augen auf seine neue Familie ... er wirkt ruhig und friedlich. Und als Kathrin den Korb vorsichtig aufnimmt, miaut er kurz – gewiß läuft in seinem Kopf eine Filmsequenz, die ihm in Vermutungsbildern das neue Zuhause zeigt. Katzen denken, das ist erwiesen, doch weil sie keine Sprache besitzen, sind Denkvorgänge gewissermaßen „Filme“, die Katze „sieht“, was geschah, ferner, was geschehen wird, genauer formuliert: was sie sich als kurzfristig eintretende Aktion vorstellt.
(Daraus folgerte der Zeichner und Katzenbuchautor Eric Gurney in „Vom Umgang mit klugen Katzen“: „Katzen schlafen immer dort, wo voraussichtlich etwas geschieht. Wenn Sie Ihre Katze also scheinbar schlafend auf dem Rand der Badewanne antreffen, wagen Sie sich keinen Schritt weiter vor! Sie will nur sehen, was passiert, wenn Sie auf das Stück Seife auf dem Kachelboden treten.“...)


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TEXTAUSZUG DREIZEHNTES KAPITEL

Am Sonntagmorgen, nach dem Frühstück, ist Familie Bach wieder einmal im Arbeitszimmer versammelt, in der üblichen Manier, nämlich Kathrin auf dem großen Tisch auf einem Kissen im Schneidersitz, damit sie alles im Blick hat. Neben ihr das jüngste Familienmitglied: Kater Garfield in würdevoller Katzenpose, wie die Sphinx, den buschigen Schweif um sich gelegt. Sein Interesse ist unübersehbar, erstens findet er es spannend, zu beobachten, wie diese weißen Dinger, von seinen Menschen „Seiten“ oder „Blätter“ genannt, hin- und hergeschoben werden, wenn der eine auf bunten Abbildungen mit solch‘ metallenem Dings zugange ist und anschließend irgendwas mit „Kilometer“ erzählt wird; zweitens, also eigentlich denn doch erstens, erfährt jene Einrichtung unten am Schreibtisch seine vorrangige Beachtung – dort entnimmt einer der großen Menschen Leckereien für ihn, bisweilen sogar zweimal. Lohnt sich also, dieses Dabeisein!
„Dann wollen wir’s mal angehen“, eröffnet Stefan gut gelaunt die heutige „Kontrollsitzung“, wie die Aufarbeitungen der Texte des Quintus Afranius mittlerweile genannt werden. Es macht allen viel Freude, an Hand des Atlas die Kurs- und Naturbeschreibungen des Exceptors nachzuvollziehen, dabei oft genug staunend, wie genau dessen Darstellungen sind, was Kurse und Entfernungen angeht. Seine Aussagen zu Landschaftsformen lassen sich natürlich kaum überprüfen; außerdem sind zweitausend Jahre seit der Niederschrift vergangen: Wo die Trireme vor Südamerikas Ostküste erstmals ankerte, war Quintus‘ Beschreibungen gemäß damals wilder Urwald, Mangroven- und sonstige Bewachsungen teils bis ins Meer hinein – heute findet man in dieser Gegend die Großstadt São Paulo. Auch oder gerade solche Fakten besitzen viel Reiz: Die kleine Familie findet es sehr interessant und auch allgemeinwissenerweiternd, zu sehen, wie sich die Welt seit der Römerzeit verändert hat, welche Gebiete und Orte damals wie hießen und welche Namen sie heute tragen, des Exceptors Hinweis auf einen „großen Fluß“ mittels Kilometerangabe in der Kartenlegende zu konkretisieren, wie beispielsweise den Gambia in Afrika, dank der guten Beschreibung eindeutig identifizierbar.
„Sooo“, macht Stefan, derweil er die richtigen Seiten der Siebten Schriftrolle aufschlägt, dann fragt er: „Müssen wir die Geschichte mit dem Fäßchen und der Teilentzifferung der darin befindlichen Botschaft im Detail aufarbeiten?“
Lisa meint: „Eigentlich nicht, die Sache dürfte rundum klar sein; die Beschreibungen der Detektivarbeit mit der durchnäßten Schriftrolle, das ganze akribische Puseln mit kleinsten Zusammenhängen ... doch, durchaus spannend, und Quintus, der Schreiber, war voll in seinem Element. Und wie das Fäßchen mit der Botschaft der Liburne ‚Aleria‘ an den Fundort gelangte, erklärt sich mit unseren Untersuchungen der Meeresströmungen: Dieser nach Süden abbiegende Zweig, der auf das heutige Recife zuläuft – das hatten wir bereits besprochen. Ich denke, das kleine Faß wurde von ihm an die brasilianische Ostküste getrieben, wo weitere Strömungen, vielleicht im Verbund mit Winden, es bis zum Fundort transportierten. Sicher, erhebliche Zufallsgeschichte, aber so ist die Natur halt. Oftmals unberechenbar, wollte ich sagen.“
„Stimmt, mehr wüßte ich nicht beizutragen.“
„Vati – ich stelle mir vor, was das für eine Arbeit war, mit dieser nassen Schriftrolle: alles ausbreiten und trocknen und dann Stückchen für Stückchen überprüfen...“
„Kathrin, das ist wirklich ein sehr wichtiger Punkt! Hier haben die beiden Römer, Quintus und Cassius, perfekt gehandelt. Na ja, wirklichen Nutzen zogen sie erstmal kaum heraus, außer halt der Erkenntnis, daß eines der gesuchten Schiffe möglicherweise noch existierte, aber in andere Richtung gelenkt wurde, von diesen Meeresströmungen.“
„Irgendwie war diese weitestgehend unleserliche Schriftrolle dann der Auslöser, über die Form unserer Erde nachzudenken – du liebes Bißchen, welche Diskussionen...“
„Schon, Mausebärchen, aber bedenke bitte: Das antike Weltbild ging von der Scheibenform aus! Und welche mentalen Kopfstände es erfordert, ohne die heutigen physikalischen und astrophysikalischen Kenntnisse die Kugelform der Erde überhaupt anzudenken, läßt Quintus in seiner Mitschrift deutlichwerden...“
„Klar, der Einwand, alles was seitlich und unten an der Kugel sei, müsse doch ins Bodenlose stürzen, erscheint völlig logisch ... und wenn man sich in Südafrika befindet, hängt man mit dem Kopf nach unten an der Kugel ... warum ist das nicht merkbar? Offen gestanden, klemmt es da bei mir ebenfalls – im zwanzigsten Jahrhundert...“
„Gravitation, Lisa, Schatz – Gravitation und Schwerkraft.“
„Ja, sicher, weiß ich – aber komisch ist das doch...“
„Seltsam, aber richtig. Gravitation, Schwerkraft – belassen wir es dabei, sonst läuft das hier ins Endlose, denn endlos ist diese Thematik durchaus. Und wenn wir dann glücklich bei Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie angekommen sind, steigen Rauchwolken aus unseren Köpfen.“
„Weia – ich habe zwar drüber gelesen“, gesteht Lisa, „verstehe aber kein Wort!“
„Das ist extremes Wissen und es stellt keine Ehrenrührigkeit dar, wenn man Einstein nicht folgen kann!“
„Unvermeidliche Reaktion: Wenden wir uns wieder den Schriften des Quintus zu!“
„Richtig, Liebchen! Halten wir nur fest: Die Römer erkannten anläßlich des Consilium an Bord der ‚Metapontum‘ die Kugelgestalt der Erde und entwickelten Theorien hinsichtlich Lage der Kontinente und Ozeane. Übrigens: Wußtest du, daß sie das Rote Meer ‚Sinus Arabicus‘ nannten?“
„Doch, ja: So steht das in ‚Völker, Staaten und Kulturen‘ von Westermann, ‚der‘ Geschichtsatlas überhaupt. Unser Lateinlehrer kam gerne mit derlei Sachen. ‚Wissen außerhalb der üblichen Standards‘, pflegte er zu sagen.“
„Hört sich erstaunlich vernünftig an“, erwidert Stefan mit sardonischem Unterton, „denn was man sonst von Studienräten alles hören darf, Kolumbus und so...“
Lisa lacht hell auf: „Gell, das sitzt tief?“
„Schon. Und diese hydromechanische Uhr des Ktebisios, dreihundert Jährchen vor Christus, wäre ebenfalls etwas, womit man gymnasiale Geschichtslehrer langmachen könnte.“
„Ach ja, heute nochmal die Schulbank drücken, ungefähr Obersekunda, mit den heutigen Kenntnissen im Kopf! Kannst du dir den Eklat vorstellen, wenn du dem Geschichtspauker Ludwigs Beweiskette bringen würdest, diese Auflistung der Entdecker und Erstbetreter amerikanischer Gebiete? Erzähl‘ vor der ganzen Klasse, der maßlos überschätzte Kolumbus, ‘tschuldigung, Colombo oder Colón, war nur in der Karibik, setzte zufällig seinen Fuß als erster auf ein paar kleine Inseln und glaubte trotzdem bis zu seinem Tod, er sei in Indien gewesen – sorry, total schwachsinnig, den Kerl als ‚Entdecker Amerikas‘ hochzustilisieren. Ludwig, Doktor Ludwig Schreiner, erklärte das damals anläßlich unserer großen Völkerkunde-Party. Hmm, die Amerika-Entdeckungs-Story läßt uns nicht los...“
„Wie auch? Ja, die Völkerkunde-Party, anno 1982 ... lang ist’s her, geschichtsträchtig, lach‘... Weißt du noch, er stellte damals die Theorie in den Raum, die Römer seien rund fünfzehnhundert Jahre vor Colón in Amerika gewesen, in der Karibik – und gemäß unseres heutigen Kenntnisstandes hatte er völlig recht: Denk‘ an die Liburne ‚Aleria‘, womöglich verbrachte die Besatzung an karibischen Traumstränden den Rest ihres Lebens, unter Palmen, kühle Drinks in Händen und mit Surfbrettern ... och nee...“ Stefan findet solche Gedanken mitunter reizvoll, Kontrast zur Logik des Ingenieurs.
„Natürlich erinnere ich mich“, bestätigt Lisa, hält sich mühsam ernst und schiebt nach: „Unseren Römern traue ich mittlerweile allerhand zu...!“
Er assistiert: „Farbfernsehen, Telephon...“
„Nein, man grub bisher noch nie römische Telephonkabel aus, einzig mögliche Folgerung: Im antiken Rom verwendete man Funkgeräte, oder...?“
„Womit wir erneut bei der Kolumbus-Logik angekommen sind“, stellt Stefan sachlich fest.
„Fazit: Laß uns diese kindische Saga aus dem Kopf streichen: Ein einziger Mann soll den gesamten amerikanischen Doppelkontinent entdeckt haben ... Schwachsinn, ich wiederhole: absoluter Schwachsinn. Und damit Strich drunter! Nun denn, ab und an wird’s uns wohl wieder beißen...“


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TEXTAUSZUG NEUNZEHNTES KAPITEL

*****

Lisa wird wieder ernst, macht einen weiten Gedankensprung, den sie in dieser Frage ausspricht: „Was ganz anderes: Was meinst du, Liebster, soll ich den heutigen Besuch bei Ludwig und Ilona im neuen Buch in etlichen Einzelheiten schildern, Auszüge unserer Gespräche und freundschaftlichen Diskussionen mit Ludwig und Ilona gewissermaßen als Gedächtnisprotokoll verwenden? Wie siehst du das?“
Er überlegt wenige Sekunden, schüttelt den Kopf und meint: „Würde ich nicht machen. Warum? Du hast bereits in mehreren Manuskriptszenen Besuche bei unseren Freunden geschildert. Könnte für den Leser langweilig werden, womöglich sagt er ‚schon wieder!‘ – und das wäre ungünstig. Ich denke, unsere Beziehung ist hinreichend dargestellt, mehr wäre zuviel des Guten. Natürlich – wenn irgendwelche Besonderheiten auftreten, sollten die ins Buch. Nur eben nicht weitere Komplettschilderungen wie jene, als Ilona uns das mit Atlantis und dem Entos Thalassa erklärte, oder die Story, wo wir im Sommer im Garten gegrillt haben: das wäre eindeutig zu viel.“
Lisa sagt: „Du hast völlig recht – im Grunde war ich bereits entschlossen, es so zu handhaben; danke, Liebster, du hast meine Entscheidung unterstrichen!“
„Und da kommt die Stadtbahn ... übrigens, Deutsch, hochentwickelt: Müßte es nicht statt ‚hast unterstrichen‘ richtig heißen: ‚unterstrichtetest‘...?“
„Heiliger Gutenberg hilf“, stöhnt Lisa und die Familie besteigt lachend den Triebwagen.

 

Bericht des Quintus Afranius Sulla
Vierzehnte Schriftrolle
Protokollon: Die Westküste

„Ruder nach Steuerbord, Achtung bei Fock und Klüver, brassen, Wind auflandig!“ Cassius beobachtete besorgt die unruhigen Segel, die den Wind nicht recht fassen konnten, jedenfalls kaum auf eine Weise, die uns nicht – wie es der Fall war – Richtung Küste schob und der darüberhinaus mehr und mehr zum Gegenwind geriet. Die Küste aber zeigte sich felsig, zerstörerisch also, falls unser Schiff mit ihr aneinandergeraten würde. Sie forderte den Steuerleuten höchste Aufmerksamkeit ab.
„Das verläuft arg problematisch“, sagte Cassius kopfschüttelnd, dann befahl er: „Holt Fock und Klüver nieder, alle Remiges die Riemen besetzen, geübte Mannschaften ebenfalls an die Riemen, wir müssen mindestens dreißig besetzen – Pitulus: Taktschlag Marschgeschwindigkeit, wenn Riemen besetzt!“
Es währte geraume Weile, dann endlich ertönte das altgewohnte „bum – bum – bum“ aus dem mittleren Deck, ich zählte back- wie steuerbords ab und sah erfreut insgesamt vierzig Riemen in Tätigkeit. Übrigens, das scheint mir erwähnenswichtig, verblieb der zur Stammannschaft zählende Pitulus gleichfalls bei den Imoivalukalú. Seine Arbeit verrichtet nun bei Bedarf wie momentan einer der Matrosen aus jenem Volke; dank des angeborenen vorzüglichen Taktgefühls dieser wunderbaren Menschen verstand und beherrschte er das Amt des Pitulus praktisch sofort. Nun – er spielte sehr gut die große Baumtrommel, füglich verwundert seine Fähigkeit kaum.
Die „Metapontum“ lag auf küstennahem Kurs Nord, während die auflandigen Winde ihr Vorwärtskommen weniger behinderten als sie schlicht lästig waren. Ich fragte Ecaius, den Navigator, ob ihm diese Winde bekannt seien. Er bejahte und fügte an, sie verschwänden binnen Kurzem und kämen nach ungefähr achthundert römischen Meilen als beständig nach Norden ziehende Winde wieder, die wir nutzen würden. Des weiteren wäre in Bälde ein Manöver unumgänglich, welches uns binnen vertretbarer Zeit in jene kalte Strömung führe, die gleichfalls nordwärts dränge und später dann im Verbund mit dem Wind rasche Fahrt gewähre. Seine Ahnen berichteten dies, schrieben von der langsameren Reise, wenn sie sich ausschließlich mit der Strömung treiben ließen, doch nach Erreichen des Windes nehme die Geschwindigkeit zu. Es sei aber von der Jahreszeit abhängig, weil eben die Winde mit ihr wechselten, meist hinsichtlich ihrer Intensität, aber auch bezogen auf die Richtung. Die Altvorderen hätten deshalb grundsätzlich bis etwa zum dritten Viertel des Ersten Kontinents die Strömung gen Norden genutzt, denn sie sei absolut beständig und es fehlten ihr des Windes Launen.
Auf meine nachgesetzte Frage, warum nur drei Viertel entlang des Kontinents die Strömung nutzen, erläuterte er, ab dort ändere sie ihre Richtung und führe nach Westen und letztendlich ins Land der tausend Inseln; das habe er aber bereits gesagt.
Ihn lobend, wurde mir die Erkenntnis, in Ecaius Magnus tatsächlich einen vorzüglichen Navigator an Bord zu haben, dem wir unser volles Vertrauen schenken durften; sein Vater hatte ihn lückenlos unterwiesen und der wache Verstand des jungen Mannes setzte das Wissen seines Volkes genauestens um.

*****

An Katapult Vier bot sich ein grausiger Anblick: Offenbar wollte der Custos Armorum die Funktion der Waffe prüfen, dabei unterlief ihm, dem alten Experten, ein unbegreiflicher Fehler: Gewiß aus Unachtsamkeit, so dachte ich anfänglich – war er infolge einer Bewegung des Schiffes gestolpert? –, geriet er unzeitig an den Auslösemechanismus des Wurfarmes, dessen rückwärtige Pendelgewichte ihn buchstäblich zerquetscht hatten. Aber: Warum war die Waffe gespannt gewesen? Aus welchem Grunde befanden sich die Gewichte an ihr, die doch im Frieden unter Deck lagen, den Schwerpunkt des Schiffes so tief wie möglich haltend? Wir fuhren ohne Gefechtsalarm, deshalb befanden sich alle Geschütze in Ruhestellung – außer eben Katapult Vier.
Es erforderte normalerweise zwei Seesoldaten, den Wurfarm in Bereitschaft zu bringen, doch der Custos Armorum war ein sehr starker Mann. Factum: Aus irgendwelchem Grunde – wollte er das Katapult prüfen? – brachte er die Propulsivgewichte an und zog die Schnellelemente des Wurfarmes auf, der beim Auslösen mit seinem Vorderteil dann das Wuchtgeschoß schleuderte. Seitlich betrachtet, fand sich links der Armlagerung der kürzere Teil der Wurfeinrichtung, an welchem im Falle der Gefechtsbereitschaft die beweglich gelagerten Massesysteme hingen. Die Kraft des Wurfarmes fand Verstärkung in je zwei links wie rechts versuchsweise montierten starken Blattfedern – wie erinnerlich: die „Metapontum“ stellte eine Sonderbauart dar. War das Geschütz gespannt und folglich die Kelle mit dem Wuchtgeschoß in nahezu waagerechter Stellung, öffnete man per Seilauslöser die Sperre und mit der Urgewalt der beiden beweglichen Gewichte sowie der Blattfedern schnellte der Wurfarm nach oben und schleuderte das Geschoß oder den Brandsatz über beträchtliche Entfernung auf den Gegner. Danach pendelte die Konstruktion sich aus, konnte mittels äußerem Einfluß gebremst werden, indem die Geschützmannschaft das Auslöseseil auffing und den Wurfarm rascher in Ruhestellung brachte, als er es von alleine getan hätte: Pendeln der konternden Gewichte und Federkräfte.
Man verzeihe mir, wenn das alles schwer verständlich geriet: Ich bin Schreiber und kein Katapultbauer. Wie dem auch sei: Der Custos Armorum hatte, weshalb, das wußten nur die Götter, den Wurfmechanismus aktiviert und hernach ausgelöst! Dabei geriet er unter die vertikal gewaltvoll durchpendelnden schweren Gewichte – und wurde entsetzlich verstümmelt und zerquetscht!
Ich wandte meine Augen von dem grausigen Bilde ab und hörte, wie Cassius konstatierte: „Das konnte kein Zufall oder Unfall sein! Kein Mensch gelangt ohne eigenes Zutun unter diese Gewichte, die nur knapp oberhalb der Decksplanken durchlaufen – der Mann beging bewußten Selbstmord! Als Waffenmeister kannte er sich genauestens aus, wußte um Funktionen und entstehende Kräfte. Warum tat er das...? Ich sehe keinen plausiblen Grund...“
Ich verfasse hier kein Drama für das Amphitheater, weshalb Vermutungen außen vorbleiben. Die Schiffsführung, unterstützt vom Remex Primus und dem Faber Navalis, fand keine konkrete Erklärung für die suizidale Tat des Waffenmeisters. Es blieb lediglich die Vermutung, er habe sich getötet, weil er seine Angetraute in Ostia nicht vergessen konnte, dieserhalb als einziger bei den Imoivalukalú keine Frau nahm, seiner Gemahlin ständig nachtrauerte, sie vermißte, nachts nach ihr rief, das Alleinsein nicht mehr ertrug.
Es kam ferner nach Gesprächen mit mehreren Seesoldaten ans Tageslicht, daß der Custos Armorum ständig mehr unter Heimweh litt, überzeugt war, Rom, Ostia und damit seine Frau niemals wiederzusehen – verstärkender Faktor, welcher die entsetzliche Selbsttötung als Verzweiflungsakt erscheinen ließ. Er fühlte sich weiterhin ständig zunehmend an den Rand der Schiffsgemeinschaft gedrängt, auch, weil es außer gelegentlichen Waffenübungen – und dem hoffentlich unikaten Kampf mit den Wilden – für ihn kaum sinnvolle Tätigkeiten an Bord gab. Keine Gefechte, keine Erfordernis des Vorhandenseins guter Waffenmeister. Der Scriba Trierarchi vermutete, die fürchterliche Selbsttötung basiere genau auf dieser Verkettung vereinsamender Umstände. Und abermals erkannten wir das schmerzliche Fehlen des Medicus: Er hätte die Zusammenhänge genau erläutern können. So aber blieb uns nur dies: Zwei Freiwillige brachten noch in der Stunde der Entdeckung unglaubliche Willensstärke auf und wickelten den furchtbar zugerichteten Leichnam in Tücher. Anschließend bereiteten sie die bewußte Planke vor, legten die sterblichen Überreste auf sie, das unvermeidliche Wuchtgeschoß an den Füßen befestigt.
Und wir führten in Andacht das Ritual des Conclamatio durch. Die traditionelle Münze konnte nicht in den Mund des Toten gelegt werden, weil er kein Gesicht mehr besaß, die zermalmten Reste waren pietätvoll umwickelt. Der Faber Navalis schob den silbernen Denarius in die Binden um das, was einst das Antlitz des Mannes gewesen – und hernach hoben zwei Seesoldaten die Planke an, der tote Custos Armorum verschwand in den Fluten...
Mich grauste dermaßen, daß meine Haut wie die der gerupften Gans aussah.

 

*****
„Oha“, macht Stefan, artikuliert anschließend konkret: „Donnerwetter, der gute Quintus erlebte ja grausige Sachen! Dieser Selbstmord des Waffenmeisters ist ein starkes Stück – in welcher psychischen Verfassung muß man sein, um sich auf solch entsetzliche Weise umzubringen?!“
Lisa sagt: „Das hat Quintus doch überliefert: Der Custos Armorum war krank vor Sehnsucht nach seiner Frau und der Heimat, fühlte sich an Bord zunehmend überflüssig ... seine Probleme schaukelten sich vermutlich auf, gingen Verbindungen ein, verstärkten sich... Was weiß ich, das könnte ein Psychiater analysieren. Doch laßt uns von was anderem reden, die Schriftrolle bietet hinreichend Themen.“
„Ist auch alles zweitausend Jahre her.“ Kathrin hat diesen „Schlußstrich“ verinnerlicht.
„Recht hast du, Spatzilein“, bestätigt Stefan. „Also was anderes: Quintus hat dieses Scharmützel mit den von ihm so bezeichneten Wilden spannend dargestellt – ich finde, auch die römische Art kommt deutlich rüber: Menschen fremder Gesellschaftsformen bezeichneten sie geradewegs als ‚Barbaren‘. Tja, so waren sie halt. Und diese Torsionsgeschütze müssen tatsächlich fürchterliche Waffen gewesen sein: Beim Auftreffen oder Eindringen erzeugten die Lanzen Verbrennungen – da muß enorme Bewegungsenergie am Werke gewesen sein. Schade, wir fanden bisher keine genauen Fakten zu diesen Geschützen ... als Ingenieur wüßte ich schon gerne, wie die genau funktionierten. Damit will ich keinesfalls den Eindruck erzeugen, Waffentechniken gut zu finden, ich wüßte nur gerne, wie man in der Antike derartige Schnellkräfte erzeugen konnte. Nun ja, Schwamm drüber, ist vielleicht auch besser, wenn dieses alte Wissen im Verborgenen bleibt...“


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TEXTAUSZUG EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

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„Ging heute alles problemlos“, berichtet Stefan, „keine überflüssigen Fragen, keine Zuspätkommer, alles bestens.“
„Und was war heute Thema?“ Lisa ist nach wie vor lebhaft an Stefans Arbeit und überhaupt der Eisenbahn interessiert.
„Nochmal Notbremsüberbrückung – langsam kann ich den Stoff im Schlaf hersagen.“
„Ich wollte schon lange gefragt haben, was das eigentlich ist. Erklärst du mal?“
„Ohne in technische und juristische Details einzusteigen, läßt sich in aller Kürze sagen: Stell‘ dir vor, in einem langen Tunnel auf der Neubaustrecke von Würzburg nach Hannover – da ist einer im Bau, der über zehn Kilometer messen wird – entsteht ein Brand im Zug. In Panik betätigen die Fahrgäste die Notbremse ... der Zug kommt im Tunnel zum Stehen! Wie soll die Feuerwehr ihn dort erreichen? Sowas könnte mit zahlreichen Toten und Verletzten enden...“
„Oh weh, klar, wenn man sich vorstellt, der Zug stünde mitten in diesem Zehn-Kilometer-Tunnel, fünf Kilometer Feuerwehrschlauch gibt’s wohl nicht am Stück und die Zeit, die wertvolle Zeit, die verstriche, bis...“ Lisa erkennt die Problematik und fragt: „Die Notbremsüberbrückung verhindert dieses Stehenbleiben im Tunnel?“
„Richtig, Schatzi! Wird die Fahrgastnotbremse bedient, ertönt im Führerraum ein schrilles Warnsignal und der zugehörige Leuchtmelder warnt den Lokführer, der dank der Notbremsüberbrückung, abgekürzt NBÜ, die aus dem Zug kommende Notbremse auflösen kann. Damit hat er den Zug unter Kontrolle und hält dort an, wo ihn die Feuerwehr und sonstige Hilfsdienste problemlos erreichen. Hierzu bestehen ergänzend entsprechende Signalisierungen. Und nicht zu vergessen: Auch auf langen Brücken oder in Einschnitten ist die NBÜ wichtig, besser gesagt: unverzichtbar. Dank der künftig wohl grundsätzlich verwendeten elektro-pneumatischen Bremssteuerung läßt sich diese Technik problemlos in die Beschaltung der UIC-Kabel integrieren. Weiter möchte ich das jetzt nicht aufdröseln.“
„Schon klar“, lacht Lisa, „ich muß ja nicht damit umgehen können.“
„Aber du weißt jetzt, was es ist“, versteht Kathrin.
„So ist es – und unser Kater hat’s ebenfalls kapiert“, sagt Lisa und müht sich um ernsten Gesichtsausdruck, derweil sie auf Garfield zeigt, der mit vorgestellten Ohren dabeisitzt, scheinbar dem Gespräch folgend.
„Dann wäre es eigentlich an der Zeit, die Sechzehnte Schriftrolle zu lesen“, regt Stefan an, ergänzt: „Ein Käffken und los geht’s – wie denkt ihr darüber?“
„Positiv“ kommentiert Lisa knapp.
Und ebenso knapp wirft Kathrin ein: „Mir bitte Kakao.“
„Wird stante pede erledigt.“ Lisa lächelt, derweil sie ankündigt: „Kathrin und ich waren heute bei der Konditorei in der Rheingasse und haben...“
„Makronentorte besorgt?“ Stefan unterbricht seine bessere Hälfte begeistert, denn das ist sein absoluter Lieblingskuchen.
„Genau“ betont sie.
„Runder Nachmittag: Kaffee und Kuchen, anschließend Schriftrolle lesen!“
„Richtig, Stefan-Liebling! Und vor dem Abendessen ein bissel Spazierengehen, wegen die Kalorien, woll?!“
Endlich ist es soweit, die vorletzte Schriftrolle, die Nummer Sechzehn, wird gelesen...

 

Bericht des Quintus Afranius Sulla
Sechzehnte Schriftrolle
Protokollon: Das Opfer

*****

Cassius, besorgt um unsere Sicherheit, reagierte sofort: „Schiff klar zum Gefecht!“, rief er dreimal über Deck. Draufgängerisch, aber besonnen, das war er, mein Freund Cassius Aulos Graecinus. „Wer weiß, was uns an der Küste erwartet“, äußerte er leise und beobachtete scharf weiter, doch nichts regte sich dorten.
„Wer mag das Zeichen in den Felsen geschlagen oder gegraben haben, wenn es nicht Römer taten?“ Mein Sinnen ging ins Leere, fand keinen Anhaltspunkt.
Der herbeigetretene Proreta mutmaßte: „Möglicherweise wurde anno XXVII die eine oder gar beide Triremen der Expedition auf den gleichen Kurs gelenkt wie wir? Sie fuhren die Ostküste des Ersten Kontinentes entlang, fanden das Verwinkelte Meer, nahmen nach dessen Passage wie wir Nordkurs – eben sicherheitshalber wiederum küstennah – dann müßten sie theoretisch den selben Weg zurückgelegt haben wie wir, oder denke ich falsch?“
Cassius nickte beeindruckt: „Das liegt durchaus im Bereich des Möglichen, nein, dünkt mich sogar wahrscheinlich! Die beiden Triremen folgten in der gleichen Hoffnung, die uns beflügelte, dem Küstenverlauf, nämlich schlußendlich nach Norden, um in die Heimat zu gelangen. Wer weiß, vielleicht stellten sie Überlegungen an, wie sie bei uns diskutiert wurden, erlangten die Erkenntnis der Kugelgestalt der Erde – dann mußten sie zwangsläufig die selben Schlußfolgerungen ziehen und, ich sagte es schon, am Ende nordwärts halten. Und weil sie nicht über unsere Ausrüstung verfügten, ich meine vorrangig die hochentwickelte Besegelung und die Scorpii, unternahmen sie vermutlich keine Erforschungen der Gebiete, landeten allenfalls wegen Trinkwasserübernahme und Jagd an passenden Gebieten der Küste. Am Ende scheiterten sie an der Stelle, die wir momentan ansteuern...“ Er unterbrach seine Ausführungen und rief laut: „Wahrschau auf Küste und Wassertiefe!“ Nun sah er mich an und ergänzte: „Hoffentlich machen wir keine Fehler!“
Meine Hände krampften sich an der Reling fest, ich rief nach Imbeto, die stante pede erschien und sich gleichermaßen sicherte, wobei sie allerdings den linken Arm um meine Hüfte legte und mich an sich preßte. Sie hatte Angst, das spürte ich. Wie alle ihres Volkes stand sie der Natur sehr nahe, fühlte, ahnte, sah gar Dinge, die mir verwehrt blieben. Und deshalb verwunderte es mich kaum, als wenig später Imcuo erschien, ihren Cassius umfing wie Imbeto mich – die wunderbaren Frauen nahmen scheinbar irgendetwas wahr, das sich meinen Sinnen ebenso entzog wie denen des Cassius.
„Halbe Meile bis Küste“, rief der wieder zum Bug, seinem Platz bei Manövern, gegangene Proreta, wiederholte: „Halbe Meile!“
„Tiefe nicht lotbar, keine Gefahr der Grundberührung“, meldete der Gubernator, angesichts der felsigen Küste die verantwortungsvollen Tiefenmessungen selbst vornehmend, mit zwei Loten, deren eines in seinen Händen lag, das andere dagegen von einem gut geschulten Deckmatrosen bedient wurde. Die Lote erfuhren wechselweises Heben und Senken, auf diese Weise erhielten wir die einzelnen Meßwerte in rascher Folge.
Im stumpfen Winkel, der flacher geriet als jener bei den Übungen, näherten wir uns dem Land, erkannten immer mehr Einzelheiten, bemerkten die tatsächlich scharfen Kanten des himmelwärts strebenden Dreizacks in der Felswand. Der momentane Kurs würde uns vielleicht ein wenig über die Position genau vor dem Zeichen hinaustragen, weshalb die Schiffsführung Reduzierung des Taktschlages auf „Kleine Marschgeschwindigkeit“ vornehmen und zehn Grad mehr West einsteuern ließ.
„Jetzt Grundkontakt, Tiefe wechselt zwischen zweiundsechzig und siebzig Pes“, meldete der Gubernator. Wenig später: „Schwankend fünfzig bis achtundfünfzig...!“
Endlich, die Zeit dünkte mich ewig, waren wir dem Küstensaum sowie dem Fanal – oder was es auch immer sein mochte – nahe genug. Doch, ich hatte seemännisch tatsächlich einiges gelernt, denn just in diesem Augenblick rief der Proreta: „Viertel Meile bis Land!“
„Wassertiefe konstant fünfzig!“
Cassius befahl unverzüglich: „Bugscorpius Abschuß!“
Das vorsorglich mit seilführender Widerhakenlanze gerüstete Geschütz jagte mit den typischen Geräuschen den „Landanker“, wie ich öfters scherzhaft formulierte, hinaus, der einen Lidschlag später sich mit heftiger Gewalt in den schrundigen Felsen bohrte.

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Ihr: Winfried Kurt Dunkel


Wissenschaft/Geschichte | Verlag: tredition GmbH externes linksymbol | Sprache: Deutsch | ist als Hardcover: ISBN 978-3-7439-5469-4 (680 Seiten) und als Paperback: ISBN 978-3-7439-5468-7 sowie als E-Book ISBN: 978-3-7439-5470-0 erhältlich. | Format: Wissenschaft | Seiten: 668 | Altersempfehlung: keine Altersbeschränkung (0 - 99) | Erscheinungsdatum: 08.09.2017 | Schlagworte: Eisenbahn, Peru, Abenteuer, Inka, Manuskript, Liebe, Dramatik, Schatzsuche | Auflage: 3
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